Warum ein kleiner Hebel über Jahrzehnte einen großen Unterschied machen kann
Vorab zur Einordnung: Das 80/20-Drifter-Portfolio versteht sich nicht als vollständige Depot-Lösung, sondern als hocheffizienter Rendite-Baustein, der als kraftvolle Ergänzung neben einem soliden, ungehebelten Kern steht.
Diese Strategie zielt also nicht darauf ab, einen ungehebelten Kern an marktbreiten ETFs zu ersetzen.
Vielmehr geht es darum, Einzelaktien, die sich nicht für die Aufnahme in ein Depot qualifizieren konnten, durch die 80/20-Drifter-Strategie zu ersetzen.
(Vergleiche hier zu meinen Artikel “in dubio pro Index” Core-Satellite-Depot (aus ETFs & Einzelaktien) > "in dubio pro Index")
>>>Im Grunde erweitert die 80/20-Drifter-Strategie den Artikel “In dubio pro Index” auf “In dubio pro Index + 2x”
Statt das Kapital für Werte wie Morningstar oder Church & Dwight in ein einfaches ungehebeltes Index-Investment in den S&P500 zu schieben, nutze ich hier die 80/20-Drifter-Strategie. [80% S&P500 + 20% S&P500(2x)]
So bleibt der Anspruch auf eine Outperformance erhalten, aber ich tausche das Risiko der Einzelaktie gegen die Kraft des gehebelten Gesamtmarktes.
Psychologisch wichtig: Das nimmt uns Anlegern das Gefühl, etwas zu verpassen (FOMO), und ersetzt es durch das Gefühl, klüger als der Markt zu agieren.
Es gibt Anlagestrategien, die in der Theorie brillant aussehen und in der Praxis scheitern. Und es gibt Strategien, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken — und genau deshalb funktionieren. Das Drifter-Portfolio gehört zur zweiten Kategorie.
Das Prinzip ist einfach genug, um es in einem Satz zu erklären:
Statt Einzelaktien zu kaufen, investiert man in einen breit diversifizierten Index — und mischt einen kleinen Anteil eines zweifach gehebelten ETFs auf denselben Index bei. Das Verhältnis beträgt 80 zu 20. Wer also 1.000 Euro investieren möchte, steckt 800 Euro in den ungehebelten Index-ETF und 200 Euro in dessen zweifach gehebeltes Pendant.
Das Ergebnis ist ein effektiver Starthebel von 1,2x. Aus 10.000 Euro wird also eine Marktexposition von 12.000 Euro — nicht durch Schulden oder Margin, sondern durch die Struktur der gehebelten ETFs selbst.
Was danach passiert, ist der eigentliche Kern der Strategie: nichts. Man kauft, lehnt sich zurück und lässt die Zeit arbeiten.
Der Drift — und warum er kein Fehler ist
Wer nicht rebalanciert, beobachtet, wie sich die Gewichte im Portfolio langsam verschieben. Der zweifach gehebelte Anteil wächst in guten Börsenphasen schneller als der ungehebelte — und der effektive Hebel des Gesamtportfolios steigt über die Jahre. Aus 1,2x werden nach etwa 20 Jahren beim S&P 500 ungefähr 1,5x, nach 30 Jahren etwa 1,6x.
Das klingt nach einem Problem. Es ist keins.
Denn erstens bleibt man damit selbst nach Jahrzehnten noch in einem Bereich, den die akademische Literatur — Stichwort Kelly-Kriterium — als vernünftig ausgewiesene Hebelzone für diversifizierte Aktienportfolios betrachtet.
Und zweitens ist der Drift in Krisenzeiten ein aktiver Schutzmechanismus: Fällt der Markt stark, verliert der gehebelte Anteil überproportional, schrumpft relativ zum Gesamtportfolio — und de-riskt das Portfolio automatisch, ohne dass der Anleger irgendetwas tun müsste.
Das System reguliert sich selbst. Man muss es nur lassen.
Was die Zahlen zeigen
Legt man historische Durchschnittsrenditen zugrunde — für den S&P 500 rund 10,5 Prozent pro Jahr, für den MSCI World rund 9 Prozent, für den Nasdaq 100 rund 13,6 Prozent — ergibt sich ein klares Bild. Bei einer Anfangsinvestition von 100.000 Euro und einem Anlagehorizont von 30 Jahren:
Beim S&P 500 erzielt die ungehebelte Variante nach 30 Jahren rund 2,0 Millionen Euro. Das Drifter-Portfolio mit 80/20 kommt auf rund 4,25 Millionen Euro — mehr als doppelt so viel, obwohl der Starthebel kaum spürbar war.
Beim MSCI World steht die ungehebelte Variante nach 30 Jahren bei etwa 1,3 Millionen Euro, das Drifter-Portfolio bei rund 2,4 Millionen Euro.
Beim Nasdaq 100 sind die absoluten Zahlen erwartungsgemäß größer, die Verhältnisse aber ähnlich: 4,6 Millionen Euro ungehebelt gegenüber über 11 Millionen Euro im Drifter-Portfolio.
Der Mechanismus dahinter ist keine Magie, sondern schlichter Zinseszins. Ein kleiner Renditevorsprung von einem oder zwei Prozentpunkten pro Jahr wirkt über drei Jahrzehnte wie ein Hebel auf den Hebel.
Die Psychologie ist Teil der Strategie
Wer glaubt, Anlageentscheidungen seien rein rational, hat noch keine Finanzkrise aus nächster Nähe erlebt. In echten Bärenmärkten — wenn die Kurse wochenlang fallen, die Nachrichten apokalyptisch klingen und der Schwiegervater anruft und fragt, ob man jetzt alles verkaufen sollte — versagen die meisten Strategien nicht wegen ihrer Konstruktion, sondern wegen der Menschen, die sie umsetzen sollen.
Das Drifter-Portfolio ist in mehrfacher Hinsicht darauf ausgelegt, genau dieses Versagen zu verhindern.
Erstens braucht man nie zu verkaufen. Das System erfordert keine Reaktion auf Marktbewegungen — weder nach oben noch nach unten. Das Nichtstun ist nicht die bequeme Option, sondern die richtige. (Wer mich kennt weiß, dass ich “Buy and hold forever”-Depots sehr liebe. Deswegen überrascht es nicht, dass ich dieses auch so ausgestaltet habe.)
Zweitens ist das Verlustgefühl in Krisen beherrschbar.
Bei 20 Prozent des Kapitals im zweifach gehebelten ETF verliert dieser Hebelanteil bei einem Markteinbruch von 30 Prozent rund 60 Prozent seines Wertes — also bei einer Ausgangsinvestition von 10.000 Euro rund 1.200 Euro. Bezogen auf das Gesamtportfolio sind das 12 Prozent. Die Verhaltensforschung — insbesondere Barber und Odean (2000) — beobachtet irrationale Verkaufsentscheidungen erst ab einem Schwellenwert von 20 bis 25 Prozent des Gesamtportfolios, der durch den gehebelten Anteil verloren geht. Diesen Schwellenwert erreicht das Drifter-Portfolio erst bei einem Markteinbruch von rund 50 Prozent — einem historischen Extremszenario, das in der Nachkriegsgeschichte nur ein einziges Mal vorkam.
Drittens entfällt das Rebalancing vollständig. Kein Terminkalender, keine emotionale Entscheidung, wann man in fallende Positionen nachkaufen soll. Keine Steuerereignisse durch Umschichtungen. Keine Decision Fatigue.
Das Ergebnis ist eine Strategie, die ein echter Mensch mit echten Emotionen und echtem Leben über echte Jahrzehnte durchhalten kann.
Die Wahl des richtigen Index
Das System funktioniert mit vier Indizes, für die zweifach gehebelte ETFs in Deutschland breit verfügbar sind: MSCI World, S&P 500, MSCI USA und Nasdaq 100.
Die Logik der Indexwahl ist dabei denkbar einfach: Man ersetzt eine Einzelaktie durch den Index, dem sie am nächsten liegt.
Eine global aufgestellte amerikanische Marke wie Nike ersetzt man durch den MSCI World oder den S&P 500. (Je nachdem welchen Aspekt “global aufgestellt” oder “amerikanisch/nahe am S&P500” man den Vorzug geben will)
Einen reinen Technologietitel wie AMD oder Microsoft ersetzt man durch den Nasdaq 100.
Bei ausgeprägten Wachstumstiteln im Technologiebereich, wie z. B. Tesla oder Nvidia liegt das Risiko höher. Hier kann der 2x-Anteil von 20 auf 25 Prozent erhöht werden, was einen Starthebel von 1,25x ergibt. Die Position ist dann nach 30 Jahren etwas aggressiver positioniert, bleibt aber auch im Extremfall noch in einem vernünftigen Risikobereich, der üblicherweise deutlich unter dem Risiko des Einzelaktien-Investments liegt.
Für Einzelaktien aus Schwellenländern — insbesondere aus dem chinesischen Markt — habe ich mir eine andere Regel gegeben:
Hier bleibt es bei “In dubio pro Index”
Sie werden durch den sehr breiten ungehebelten EM IMI-ETF ersetzt.
Der Grund ist einfach: Schwellenmärkte bringen bereits genug eingebaute Volatilität mit.
Ein Hebel würde hier nicht die Rendite optimieren, sondern schlicht unverhältnismäßiges Risiko erzeugen.
Daraus ergibt sich eine denkbar klare Entscheidungsregel für die Drifter-Strategie:
80/20 als absoluter Standard
75/25 nur um echte Tech-Wachstumstitel zu ersetzen.
Das Sequenz-Risiko: Die ehrliche Wahrheit
Kein Artikel über Anlagestrategien wäre vollständig ohne den unbequemsten aller Befunde: Selbst die beste Strategie kann durch einen ungünstigen Einstiegszeitpunkt dramatisch in ihrer Wirkung gemindert werden.
Ein schlechtes erstes Jahrzehnt — wie die "Lost Decade" des S&P 500 von 2000 bis 2009 — reduziert den 30-Jahres-Endwert des Drifter-Portfolios von rund 4,25 Millionen Euro auf rund 901.000 Euro. Das ist kein Fehler der Strategie. Es ist die mathematische Konsequenz des Zinseszinses in umgekehrter Richtung: Wer in den ersten Jahren wenig oder nichts verdient, hat eine kleinere Basis für die Aufzinsung aller folgenden Jahre.
Der Nasdaq 100 ist dabei besonders anfällig. Ein Dot-com-ähnlicher Einbruch in den ersten zehn Jahren lässt den zweifach gehebelten Anteil um rund 80 Prozent seines Wertes schrumpfen — und dieser kleine Restbetrag kann in 20 Jahren Erholung die verlorene Basis nicht mehr vollständig aufholen. In diesem Extremszenario landet das Drifter-Portfolio nach 30 Jahren knapp unter der ungehebelten Variante. Das ist der schärfste Einwand gegen das System — und gleichzeitig die Begründung, warum man den Nasdaq-Hebel nur selektiv und bewusst einsetzt.
FTSE All World und S&P 500 Drifter hingegen überleben selbst das schlechte erste Jahrzehnt und schlagen ihre ungehebelten Pendants nach 30 Jahren noch immer. Die Robustheit liegt in der Breite und der moderateren Volatilität dieser Indizes.
Der entscheidende Satz bleibt: Man kann die beste Strategie der Welt haben und durch reines Pech bei der Marktphase deutlich unter den Erwartungen landen. Umgekehrt kann eine mittelmäßige Strategie durch günstigen Einstieg glänzend aussehen. Das Sequenz-Risiko ist das fundamentale ungelöste Problem der privaten Geldanlage — und es gibt keine elegante Lösung dafür.
Das Drifter-Portfolio akzeptiert diese Wahrheit. Es optimiert nicht auf das beste denkbare Szenario, sondern auf die beste realistisch durchhaltbare Strategie über alle Szenarien hinweg. Das ist kein kleiner Unterschied.
Warum es wahrscheinlich nichts Besseres gibt
Nach fast 30 Jahren Börsenerfahrung komme ich zu einem nüchternen Schluss: Fast alles, was theoretisch "besser" klingt, scheitert in der Praxis an seiner eigenen Komplexität.
Timing-Strategien erfordern, dass man systematisch richtig liegt — und zwar nicht einmal, sondern immer wieder. Die Datenlage ist eindeutig: Das gelingt auf Dauer niemandem zuverlässig.
Absicherungsstrategien mit Optionen kosten dauerhaft Rendite als eine Art Versicherungsprämie, die man in guten Jahren zahlt, ohne Gegenleistung zu erhalten. Aktiveres Management erzeugt Transaktionskosten, Steuerereignisse und — am teuersten von allem — emotionale Entscheidungen unter Druck.
Was bleibt, wenn man all das abzieht? Eine breite Marktexposition, minimale Kosten, kein Rebalancing, kein aktiver Eingriff, und ein kleiner systematischer Rendite-Booster durch einen kontrollierten Hebel.
Die Strategie ist aus meiner Sicht ein eleganter Weg, um „aktiv“ zu bleiben, ohne „aktiv“ zu handeln. Sie transformiert den Wunsch nach Outperformance von einer riskanten Einzelaktien-Wette hin zu einer moderaten, mathematisch untermauerten Markt-Wette.
Das 80/20-Drifter-Portfolio ist nicht deshalb gut, weil es das theoretische Optimum darstellt. Es ist gut, weil es das praktische Optimum für einen echten Menschen darstellt — einen Menschen mit Emotionen, Schlafbedürfnissen, einem Leben neben dem Depot und der realistischen Bereitschaft, eine Strategie auch dann durchzuhalten, wenn es wehtut.
Selbst eine nur mittelmäßige Strategie, die konsequent durchgehalten wird, schlägt fast immer eine optimale Strategie, die in der Krise aufgegeben wird.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die 30 Jahre Börsenerfahrung hinterlassen können.
Quellen:
Alle Renditeberechnungen basieren auf historischen Durchschnittswerten: S&P 500 10,5% p.a. (Damodaran, NYU Stern, 1928–2024), MSCI World 9,0% p.a. (MSCI Fact Sheets, 1970–2024), Nasdaq 100 13,6% p.a. (Invesco/Bloomberg, 1985–2024). Die Netto-Rendite der zweifach gehebelten ETFs wurde nach der Formel von Avellaneda & Zhang (2010, SIAM Journal on Financial Mathematics) um Volatility Drag und ETF-Kosten (ca. 0,9% p.a.) bereinigt.
Vergangenheitsrenditen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. - Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. - Bitte umfangreichen Disclaimer/ Haftungsausschluss lesen.
Wichtiger Hinweis: Strategien mit gehebelten ETFs (Leveraged ETFs) unterliegen einer Volatilitätsfalle („Volatility Drag“) und sind mit erheblichen Risiken verbunden, die bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen können. Dies stellt keine Anlageberatung dar. Historische Renditen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Informiere dich umfassend über die Funktionsweise gehebelter Produkte, bevor du sie in deine Anlagestrategie integrierst.
Eine häufige Frage von Anlegern, die über die 80/20-Drifter-Strategie nachdenken, lautet:
Wie groß ist der Vorteil gegenüber einem klassischen Einzelaktien-Depot eigentlich wirklich?
Die Antwort lässt sich in konkreten Wahrscheinlichkeiten ausdrücken — und die Ergebnisse überraschen.
Als Vergleichsbasis dient ein realistisches Privatanleger-Depot: 20 sorgfältig ausgewählte Einzelaktien, die konsequent gehalten werden, ohne häufiges Handeln. Also kein Zocker-Depot, sondern das Depot eines geduldigen, disziplinierten Langfristanlegers.
Bereits ein einfacher, ungehebelter S&P 500 ETF schlägt dieses Einzelaktien-Depot mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 74 Prozent über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Der Grund dafür liegt in drei strukturellen Faktoren, die still und zuverlässig gegen das Einzelaktien-Depot arbeiten: Erstens kostet die höhere Schwankungsbreite eines konzentrierten 20-Aktien-Portfolios gegenüber dem breit diversifizierten Index rund 0,38 Prozentpunkte Rendite pro Jahr — nicht durch schlechte Aktienauswahl, sondern rein durch Mathematik. Zweitens zeigt die Forschung von Hendrik Bessembinder, dass nur 4 Prozent aller Aktien die gesamte Nettowertschöpfung des Marktes erzeugen. Ein 20-Aktien-Portfolio erwischt diese Gewinner statistisch seltener und gewichtet sie schlechter als ein cap-gewichteter Index, der Gewinner automatisch höher gewichtet. Drittens treffen auch disziplinierte Buy-and-Hold-Anleger über Jahrzehnte unvermeidlich kleine Fehlentscheidungen — Insolvenzen, Delistings, Übernahmen erzwingen Reaktionen, die beim ETF automatisch und regelbasiert ablaufen.
Der 80/20-Drifter erhöht diese Gewinnwahrscheinlichkeit gegenüber dem Einzelaktien-Depot auf ungefähr 75 Prozent. Der Unterschied zum ungehebelten Index beträgt also nur 1 bis 3 Prozentpunkte — was eine wichtige Erkenntnis enthält: Den Löwenanteil der Überlegenheit liefert nicht der Hebel, sondern der Index selbst. Die Diversifikation, die automatische Erfassung der besten Aktien und die Vermeidung von Verhaltensfehlern stecken bereits im schlichten ETF. Der Hebel des Drifters ist ein solider Rendite-Booster über sehr lange Zeiträume, aber er ist nicht der Hauptgrund, warum das System funktioniert.
In Zahlen zusammengefasst: Ein 20-Aktien-Buy-and-Hold-Depot hat eine Wahrscheinlichkeit von rund 26 Prozent, den ungehebelten Index zu schlagen — und von rund 25 Prozent, den Drifter zu schlagen. Der Unterschied zwischen Index und Drifter ist dabei so gering, dass er in der Wahrscheinlichkeitsbetrachtung kaum ins Gewicht fällt. Was ins Gewicht fällt, ist die Entscheidung für oder gegen den Index überhaupt.
Sowohl der normale Index als auch dein Drifter haben die Statistik auf ihrer Seite. Der Drifter ist im Grunde die „aggressive Variante“ dieser statistischen Überlegenheit.
Du tauschst die geringe Wahrscheinlichkeit, mit Einzelaktien Glück zu haben, gegen die hohe Wahrscheinlichkeit, mit der Weltwirtschaft und einem moderaten Hebel systematisch vorne zu liegen.
80/20-Drifter vs. Index:
Jetzt wird es spannend ... Wir lassen das 80/20-Drifter-Portfolio gegen den jeweiligen Index antreten.
Was eine Monte-Carlo-Simulation über das Drifter-Portfolio verrät ...
Es gibt Anlagestrategien, die man versteht, ohne sie je gerechnet zu haben. Und dann gibt es den Moment, in dem man sie tatsächlich rechnet — und feststellt, dass sie noch robuster ist als gedacht. Genau das ist das Ergebnis einer Monte-Carlo-Simulation des Drifter-Portfolios über 10.000 zufällig generierte Marktpfade.
Was simuliert wurde
Das Drifter-Portfolio — eine Kombination aus 80 Prozent ungehebeltem Index-ETF und 20 Prozent zweifach gehebeltem ETF auf denselben Index, ohne Rebalancing — wurde für drei Indizes simuliert: den S&P 500, den MSCI World und den Nasdaq 100. Als Zeithorizonte dienten 10, 15, 20 und 30 Jahre. Die Frage war einfach: In wie vielen der 10.000 simulierten Pfade schlägt das Drifter-Portfolio seinen ungehebelten Vergleichsindex?
Die Renditeparameter basieren auf historischen Langfristdaten — für den S&P 500 rund 10,5 Prozent Jahresrendite bei einer Volatilität von 15,5 Prozent (Damodaran, NYU Stern, 1928–2024), für den MSCI World 9,0 Prozent bei 14,0 Prozent Volatilität (MSCI Fact Sheets, 1970–2024), für den Nasdaq 100 13,6 Prozent bei 21,0 Prozent Volatilität (Invesco/Bloomberg, 1985–2024). Die Nettorendite des zweifach gehebelten ETFs wurde um Volatility Drag und Kosten von rund 0,9 Prozent pro Jahr bereinigt, nach der Formel von Avellaneda und Zhang (SIAM Journal on Financial Mathematics, 2010). Die Korrelation zwischen dem ungehebelten und dem gehebelten Anteil ist vollständig — beide folgen demselben Marktpfad, was der Realität entspricht.
Das überraschende Ergebnis
Wer erwartet hatte, dass das Drifter-Portfolio in etwa sieben von zehn Fällen gewinnt, lag richtig — aber gleichzeitig zu pessimistisch. Die Simulation zeigt über 30 Jahre für den S&P 500 eine Gewinnrate von über 85 Prozent, für den MSCI World ebenfalls deutlich über 80 Prozent. Selbst der Nasdaq 100 — der volatilste der drei Indizes, mit dem höchsten Volatility Drag und dem stärksten Sequenz-Risiko — kommt über 30 Jahre auf eine Gewinnrate von rund 82 Prozent.
Der überraschendste Befund aber ist ein anderer: Selbst über den kurzen Horizont von nur 10 Jahren liegt die schlechteste Gewinnrate aller drei Indizes bei 79,1 Prozent. Das bedeutet: Das Drifter-Portfolio schlägt den ungehebelten Index in etwa vier von fünf simulierten Dekaden — beim volatilsten verfügbaren Index Nasdaq100, über den kürzesten getesteten Zeitraum.
Das ist keine 70-Prozent-Strategie. Es ist näher an einer 80-Prozent-Strategie — in jedem Szenario, über jeden Horizont.
Warum das mathematisch zwingend ist
Das Ergebnis ist kein Zufall und keine Hoffnung. Es ist die logische Konsequenz einer einzigen Tatsache: Solange die erwartete Nettorendite des zweifach gehebelten ETFs positiv ist — was bei allen drei Indizes auch nach Abzug von Volatility Drag und Kosten der Fall ist — hat der Drifter in der strukturellen Mehrheit aller Marktpfade einen eingebauten Vorteil. Der 20-prozentige Hebel-Anteil zieht das Gesamtportfolio nach oben, außer in Szenarien, in denen ein vollständiges verlorenes Jahrzehnt eintritt.
Die rund 20 Prozent der Pfade, in denen der Drifter verliert, beschreiben im Wesentlichen genau dieses Szenario: ein komplettes Jahrzehnt mit negativer oder nahezu nullwürdiger Rendite wie beim Nasdaq 100 von 2000 bis 2009. Solche Phasen sind möglich. Sie sind historisch belegbar. Aber sie sind selten — und in allen anderen Marktphasen, einschließlich moderater Bärenmärkte mit anschließender Erholung, gewinnt der Drifter.
Was die Zeit mit dem System macht
Über längere Horizonte verstärkt sich dieser Effekt systematisch. Nach 20 Jahren liegt die Gewinnrate bei S&P 500 und MSCI World bereits nahe an 90 Prozent. Nach 30 Jahren noch etwas höher. Der Grund ist derselbe wie bei allem, was mit Zinseszins zu tun hat: Kleine systematische Vorteile wirken über lange Zeiträume wie ein zweiter Hebel — ein Hebel auf den Hebel.
Gleichzeitig zeigt die Simulation etwas Beruhigendes für kürzere Horizonte: Auch wer nicht 30 Jahre warten kann oder will, profitiert vom System. Die Gewinnrate fällt über 10 Jahre nicht dramatisch unter das 30-Jahres-Niveau — weil der strukturelle Vorteil nicht von der Zeit abhängt, sondern von der Wahrscheinlichkeitsverteilung der Marktrenditen. Und diese Verteilung bevorzugt den Drifter in etwa vier von fünf Fällen, unabhängig vom gewählten Horizont.
Der Median-Mehrwert: Was der Drifter in der Mitte liefert
Neben der Gewinnrate liefert die Simulation einen zweiten aufschlussreichen Wert: den Median-Mehrwert des Drifters gegenüber dem ungehebelten Index. Der Median ist dabei bewusst gewählt — er beschreibt nicht das beste oder das schlechteste Szenario, sondern das mittlere. Den Wert, den ein typischer Anleger in einem typischen Marktumfeld erwarten kann.
Das Ergebnis ist konsistent über alle drei Indizes und alle Zeithorizonte: Der Drifter liefert im Median einen spürbaren Mehrwert gegenüber dem ungehebelten Index. Über 30 Jahre summiert sich dieser Vorteil auf Beträge, die im realen Vermögensaufbau den Unterschied zwischen einem soliden und einem außerordentlichen Ergebnis ausmachen können — nicht weil der Hebel dramatisch ist, sondern weil er klein, konstant und aufgezinst wirkt.
Was die Simulation nicht zeigt
Jede Simulation ist nur so gut wie ihre Annahmen. Diese hier setzt log-normalverteilte Jahresrenditen voraus — ein Standardmodell, das reale Marktphänomene wie Fat Tails, Volatility Clustering oder sprunghafte Kurseinbrüche vereinfacht abbildet. In der Realität kommen extreme Ereignisse häufiger vor als die Normalverteilung vorhersagt.
Das bedeutet: Die tatsächliche Gewinnrate des Drifters in der Zukunft könnte etwas unter den simulierten Werten liegen, weil Extremszenarien häufiger eintreten als modelliert. Gleichzeitig könnte sie auch darüber liegen, wenn die Märkte der historischen Tendenz zur langfristigen Erholung treu bleiben. Die Simulation liefert keine Garantie. Sie liefert eine begründete Wahrscheinlichkeitsaussage auf Basis der besten verfügbaren historischen Daten.
Was das für die Praxis bedeutet
Der praktische Schluss aus der Simulation lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen.
Erstens: Das Drifter-Portfolio hat eine statistisch robuste Überlegenheit gegenüber dem ungehebelten Index — nicht als Versprechen, sondern als Wahrscheinlichkeit. In vier von fünf simulierten Szenarien gewinnt der kleine Hebel.
Zweitens: Diese Überlegenheit kostet nichts Wesentliches. Keine höheren Transaktionskosten, kein Rebalancing, kein aktiver Eingriff. Man bezahlt für den Vorteil lediglich mit der Bereitschaft, einen 20-prozentigen Anteil in einem zweifach gehebelten ETF zu halten und diesen in Phasen mit Buchverlusten nicht zu verkaufen.
Trotzdem: Der Zeitraum spielt eine geringere Rolle als erwartet. Ob man 10 oder 30 Jahre investiert — die Wahrscheinlichkeit, dass der Drifter gewinnt, bleibt in einem engen Band zwischen 79 und 88 Prozent. Das System ist nicht auf einen langen Zeithorizont angewiesen. Es ist von Anfang an robust.
Das Bild das bleibt
Vor der Simulation hätte ich geschätzt, dass das 80/20-Drifter-Portfolio den ungehebelten Index in 70% der Fälle schlägt. Nach der Simulation lautet die Antwort: in etwa vier von fünf — und 79,1% ist der schlechteste Wert, den die Simulation für irgendeinen Index (Nasdaq100) über irgendeinen Horizont (10 Jahre) produziert hat.
Das ist das eigentlich Bemerkenswerte: Nicht dass das System gut ist. Sondern wie konsistent es gut ist — über Indizes, über Zeiträume, über Marktphasen hinweg. Ein kleiner Hebel, konsequent gehalten, ohne Eingriff, ohne Optimierung.
Methodik: 10.000 Monte-Carlo-Simulationen je Index. Log-normalverteilte Jahresrenditen. Parameter: S&P 500 μ=10,5%, σ=15,5% (Damodaran, NYU Stern 1928–2024) · MSCI World μ=9,0%, σ=14,0% (MSCI Fact Sheets 1970–2024) · Nasdaq 100 μ=13,6%, σ=21,0% (Invesco/Bloomberg 1985–2024). Nettorendite 2x-ETF nach Avellaneda & Zhang (SIAM J. Fin. Math. 2010), Kosten 0,9% p.a. Kein Rebalancing. Vergangenheitsdaten sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Bitte umfangreichen Disclaimer bzw. Haftungsausschluss lesen.
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