DITM Deep In-The-Money mit Optionsscheinen
Wer als Privatanleger schon einmal mit Optionsscheinen gehandelt hat, kennt dieses frustrierende Szenario: Du hast die richtige Aktie ausgewählt, der Kurs steigt leicht an – aber dein Optionsschein verliert trotzdem an Wert oder dümpelt lustlos vor sich hin. Am Ende der Laufzeit steht trotz eines Kursplus der Aktie ein Totalverlust im Depot.
Die Schuldigen heißen meistens Theta (Zeitwertverfall) und Vega (implizite Volatilität). Die meisten Anleger kaufen schlicht die falschen Scheine: Sie riskieren viel mit Optionen „am Geld" (At-the-Money) oder zocken mit „aus dem Geld" (Out-of-the-Money) liegenden Optionen.
Es gibt jedoch eine Methode, die von institutionellen Investoren und den cleversten Händlern an der Wall Street genutzt wird, um dieses Problem vollständig zu umgehen.
Man nennt sie die „Stock Replacement Strategy" (Aktienersatz-Strategie) mittels Deep In-The-Money (DITM) Optionen. Sogar Paul Pelosi, der Ehemann der US-Politikerin Nancy Pelosi, verdankt seine legendären Millionengewinne an der Börse genau diesem mathematischen Prinzip.
Wir versuchen nun das Ganze statt mit Optionen mit Optionsscheinen abzubilden, so dass es auch mit kleinem Geld möglich ist und damit für Privatanleger besser geeignet ist.
1. Das Geheimnis der Pelosi-Trades: Was wirklich dahintersteckt
In den sozialen Medien wird oft behauptet, Paul Pelosi nutze illegale Insider-Informationen, um exakt die perfekten Einstiegszeitpunkte bei Tech-Aktien zu treffen. Schaut man sich jedoch die offiziellen Offenlegungen des US-Kongresses (House Clerk Disclosures) genau an, erkennt man kein magisches Timing, sondern ein knallhartes mathematisches Muster neben einem extrem konzentrierten Aktien-Tech-Portfolio.
Die Filings zeigen ein Muster, das typisch für die Stock-Replacement-Strategie ist: Pelosi kauft systematisch Optionen, die extrem tief im Geld (Deep In-The-Money) liegen, kombiniert mit sehr langen Laufzeiten (sogenannte LEAPS von 12 bis 24 Monaten).
Drei verifizierte Beispiele aus seinen Pflichtmeldungen verdeutlichen das:
Nvidia (November 2023): Pelosi kaufte Nvidia-Calls mit einem Basispreis (Strike) von 120 $, als der tatsächliche Nvidia-Kurs an der Börse bei rund 490 $ stand. Die Option lag also sage und schreibe 75 % im Geld. Wichtiger Kontext: Diese Position war über mehrere Jahre aufgebaut worden, als Nvidia noch deutlich tiefer notierte – die extreme ITM-Tiefe ist daher teilweise dem zwischenzeitlichen Kursanstieg geschuldet.
Nvidia (Juni 2024, neue Position): Beim Aufbau einer frischen Position kaufte er Calls mit einem Strike von 800 $, während der Kurs bei rund 1.200 $ notierte – also rund 33 % im Geld. Bei Nvidias hoher impliziter Volatilität von ca. 40–45 % wären 39–44 % ITM noch etwas präziser gewesen, um das ideale Delta zu treffen. Der Trade zeigt aber Pelosis tatsächliche Einstiegstiefe bei Frischpositionen. (Quelle: House Clerk Disclosure, Juli 2024)
Apple (Januar 2023): Pelosi kaufte Apple-Calls mit einem Strike von 80 $, während die Aktie bei rund 125 $ stand – also 36 % im Geld, mit einer Restlaufzeit von genau 24 Monaten. Das daraus resultierende Delta lag bei ca. 0,90. Dies ist das mathematisch sauberste Beispiel der drei Trades und entspricht nahezu exakt dem Sweet Spot dieser Strategie. (Quelle: House Clerk Disclosure, Februar 2023)
Was zeigen die Filings?
Pelosi nutzt diese tiefen Optionen als Aktienersatz. Er will quasi die Aktie mit deutlich reduziertem Kapitaleinsatz abbilden, aber möglichst eins zu eins an jedem Euro (bzw. Dollar) Kursgewinn teilhaben.
Das Apple-Beispiel ist dabei das Lehrbuch-Modell – und genau darauf baut der Screener in Kapitel 4 auf.
2. Was bedeutet „Deep In-The-Money" (DITM)?
Um zu verstehen, warum diese Strategie so clever ist, müssen wir uns kurz die Zusammensetzung des Preises eines Optionsscheins anschauen. Der Preis besteht immer aus zwei Komponenten:
Der Innere Wert ist der reale, nackte Wert des Scheins. Wenn eine Aktie bei 200 € steht und dein Strike bei 120 € liegt, beträgt der innere Wert glatte 80 €.
Der Zeitwert ist der „Aufschlag" (die Prämie), den du an die Bank für das Recht zahlst, den Schein über eine gewisse Laufzeit zu halten. Er ist im Grunde reine Luft – eine Wette auf die zukünftige Bewegung und die Unsicherheit am Markt.
Kaufst du einen Schein am Geld (ATM) – also Aktie bei 100 €, Strike bei 100 € –, kaufst du zu 100 % Zeitwert. Steigt die Aktie nicht massiv, verbrennt dieser Zeitwert jeden Tag ein bisschen mehr, bis der Schein am Ende wertlos verfällt.
Kaufst du hingegen Deep In-The-Money (DITM) – also mindestens 30 % bis 50 % unter dem aktuellen Aktienkurs –, besteht dein Optionsschein zu 85 % bis 95 % aus innerem Wert. Du kaufst also echte Substanz und kaum Luft. Der tägliche Zeitwertverfall (Theta) kann dir fast egal sein, weil kaum Zeitwert da ist, der wegschmelzen könnte!
3. DITM vs. Proffe: Warum der „VIX" über dein Risiko entscheidet
Ein bekannter deutscher Trendfolge-Experte, Michael Proffe, nutzt ebenfalls langfristige Optionsscheine mit 18 bis 24 Monaten Laufzeit. Er kauft allerdings bevorzugt am Geld (ATM).
Wo liegt der Unterschied und warum ist Proffes Ansatz für den normalen Privatanleger deutlich riskanter?
Das Zauberwort heißt Vega – die Empfindlichkeit des Optionsscheins gegenüber die implizite Volatilität (Marktunsicherheit).
Proffe-Strategie (Am Geld): ATM-Scheine haben das höchste Vega überhaupt. Wenn die Märkte nervös sind (z. B. der Angstindex VIX steht über 20 oder 30 Punkten), pumpt die Bank extrem viel Zeitwert in den Schein. Der Emittent erhebt eine Art Risikozuschlag und das macht den Optionsschein sehr teuer. Beruhigt sich der Markt, kommt es zum sogenannten „IV-Crush": Die Bank rechnet die Luft aus dem Schein heraus. Der Optionsschein verliert massiv an Wert, selbst wenn die Aktie sich nicht bewegt. Proffe muss daher eisern darauf achten, nur in extrem ruhigen Marktphasen (VIX < 20) zu kaufen.
Pelosi-Strategie (Tief im Geld): Je tiefer ein Schein im Geld liegt, desto weiter sinkt sein Vega gegen Null. Da kaum Zeitwert im Preis enthalten ist, betrifft dich ein Volatilitäts-Crash überhaupt nicht.
Das bedeutet für dich: Mit der DITM-Strategie bist du vom Gesamtmarkt-Timing (Volatilität = VIX) völlig entkoppelt. Du musst dich beim Kauf nicht fragen, ob der Markt gerade zu nervös ist. Du musst nur eine Frage beantworten: „Ist das eine Qualitätsaktie, die in den nächsten zwei Jahren steigen wird?"
4. Die Schritt-für-Schritt-Anleitung: Der perfekte DITM-Screener
Hier liegt der Kern des gesamten Artikels. Was folgt, ist kein grober Richtwert, sondern ein präziser, datengestützter Fünf-Schritte-Prozess. Jeder Schritt hat einen klaren Grund – und die Reihenfolge ist entscheidend.
Schritt 1: Die Laufzeit – ▶️immer 24 Monate, kein Kompromiss
Die Empfehlung: Kaufe ausschließlich Scheine mit 22 bis 26 Monaten Restlaufzeit.
Das klingt wie eine Kleinigkeit. Es ist keine. Der Grund ist einer der überraschendsten Befunde der quantitativen Optionspreistheorie: Das jährliche Aufgeld (die Jahresgebühr, die du an den Emittenten zahlst) ist über alle Laufzeiten nahezu identisch.
Für einen typischen DITM-Schein (40 % im Geld, 35 % implizite Volatilität) gilt:
Laufzeit Jährliches Aufgeld p.a. Rollpuffer
12 Monate. 3,27 % 0–3 Monate — gefährlich eng
18 Monate. 3,47 % 4–5 Monate — gerade ausreichend
24 Monate. 3,56 % 6–9 Monate — komfortabel.
30 Monate. 3,58 % 9–12 Monate — sehr gut
Berechnung: Black-Scholes-Modell, S = 200 €, K = 120 €, σ = 35 %, r = 4,5 %.
Die gesamte Spanne des Jahresaufgelds über alle Laufzeiten beträgt gerade einmal 0,31 Prozentpunkte. Du zahlst für 24 Monate pro Jahr fast exakt dasselbe wie für 18 Monate – bekommst dafür aber 6 Monate mehr Zeit, um zu reagieren, zu rollen oder einfach zu warten.
Warum ist das so? Das Aufgeld eines tiefen DITM-Scheins besteht zu einem großen Teil aus der reinen Finanzierungskomponente: Du nutzt über die Laufzeit das Kapital der Bank (den Betrag zwischen Strikepreis und Aktienkurs), und dafür fällt der Risikofreiheitszins an. Dieser Zinsanteil normiert sich über die Jahre heraus, sodass der Jahressatz konstant bleibt – unabhängig von der Laufzeit.
Das Ergebnis: Ein 18-monatiger Schein ist mathematisch nicht günstiger als un 24-monatiger. Er gibt dir nur weniger Zeit. Kaufe deshalb immer die längste verfügbare Laufzeit im Korridor von 22–26 Monaten.
Schritt 2: Den richtigen Strike finden – die Volatilitätsregel
Das ist die wichtigste und am häufigsten falsch gemachte Entscheidung. Der weit verbreitete Ratschlag, einfach „40 % unter dem aktuellen Kurs" zu gehen, ist nur für einen bestimmten Aktientyp korrekt. Das richtige ITM-Niveau hängt entscheidend von der impliziten Volatilität (IV) der jeweiligen Aktie ab.
Der Grund: Wie tief ein Schein „gefühlt" im Geld liegt, misst nicht der absolute Prozentsatz, sondern wie weit dieser Strike von der statistisch erwarteten Kursbewegung entfernt ist. Eine Aktie mit 50 % Volatilität kann in einem Jahr 50 % fallen – da ist ein Strike, der 33 % unter dem Kurs liegt, gar nicht so tief im Geld, wie er aussieht.
Die Faustregel lautet:
Ziel-ITM % ≈ Implizite Volatilität der Aktie × 1,0 (bei IV ≤ 40 %) Ziel-ITM % ≈ Implizite Volatilität der Aktie × 0,9 (bei IV > 40 %)
In der Praxis sieht das für verschiedene Aktienklassen so aus:
Implizite Volatilität (IV) Optimaler Strike (ITM %) Aufgeld p.a. Delta Effektiver Hebel Typische Aktien
~20 % | ~21 % | ITM ~4,1 % | 0,90 | 3,1× | Nestlé, LVMH, Berkshire
~25 %
~27 % ITM
~4,0 %
0,91
2,6×
Apple, Microsoft (ruhige Phase)
~30 %
~31 % ITM
~4,1 %
0,90
2,3×
Apple volatil, SAP, ASML
~35 %
~35 % ITM
~4,2 %
0,90
2,1×
Alphabet, Meta, Amazon
~40 %
~39 % ITM
~4,2 %
0,91
1,9×
Tesla moderat, Nvidia ruhig
~50 %
~44 % ITM
~4,7 %
0,90
1,7×
Nvidia volatil, Biotech
~60 %
~48 % ITM
~5,1 %
0,90
1,6×
Small-Cap-Tech, hochvola. Werte
Berechnung: Black-Scholes-Modell. Zielfunktion: Delta = 0,905. T = 24 Monate, r = 4,5 %.
Beispiel Apple: Apple hat in normalen Marktphasen eine implizite Volatilität von ca. 25–30 %. Nach der Formel wählt man daher einen Strike ca. 27–31 % unter dem Kurs. Kauft Apple bei 220 €, wäre ein Strike um 155–160 € optimal – nicht 120 € (was bereits 45 % ITM und ein Delta nahe 0,97 bedeutet). Die „40 %-Regel" würde bei Apple unnötig tief gehen und Kapital ohne Gegenwert binden.
Beispiel Nvidia: Nvidia hat eine deutlich höhere Volatilität von ca. 40–50 %. Hier braucht man tatsächlich 39–44 % ITM, um dasselbe Delta zu erreichen. Der häufige Fehler: Wer Nvidia „wie Apple" mit 30 % ITM screent, landet bei einem Delta von nur 0,85 – der Schein hat noch 20–25 % Zeitwert und reagiert spürbar auf IV-Schwankungen.
Die implizite Volatilität findest du für jede Aktie in jedem gängigen Optionsrechner (finanzen.net, OnVista, Broker-Tool) beim 12-Monats-ATM-Call.
Schritt 3: Das Delta als Kontrollgröße – der robusteste Filter
Nachdem du über die Volatilitätsregel einen ungefähren Strike gefunden hast, kontrollierst du mit dem Delta, ob der Schein tatsächlich im Sweet Spot liegt.
Der Zielkorridor: Delta 0,88 bis 0,93.
Delta Bewertung Problem
Unter 0,85 Zu flach Über 20 % Zeitwertanteil, IV-Crush-Risiko kehrt zurück
0,85 – 0,88 Randbereich Noch akzeptabel, aber Vorsicht bei volatilen Titeln
▶️0,88 – 0,93 Sweet Spot Optimaler Kompromiss aus Hebel, Theta und Vega
0,93 – 0,96 Randbereich Zu tief für niedrigvolatile Aktien, Hebel sinkt unter 1,8×
Über 0,96 Zu tief Kaum noch Kapitalvorteil gegenüber dem Direktkauf
Ein Delta von 0,90 bedeutet konkret: Steigt die Aktie um 1,00 €, steigt dein Optionsschein (bereinigt um das Bezugsverhältnis) um 0,90 €. Du partizipierst zu 90 % am Kursgewinn, hast aber nur 47 % des Aktienwertes eingesetzt – das ist der Kern der Kapitaleffizienz.
Das Delta ist der robustere Filter, weil es die Volatilität bereits einpreist. Wer auf Delta 0,90 screent, bekommt automatisch bei Apple einen 27 %-ITM-Schein und bei Nvidia einen 42 %-ITM-Schein – ohne sich selbst die Volatilität ausrechnen zu müssen.
Schritt 4: Das Aufgeld p.a. – die versteckte Jahresgebühr
Das Aufgeld p.a. ist die eigentliche Jahresgebühr, die du an den Emittenten zahlst. Es entspricht dem Zeitwert des Scheins, normiert auf den Aktienkurs und die Laufzeit in Jahren.
Zielwert: Unter 4 % p.a. (bei hochvolatilen Aktien mit IV > 45 %: bis 5,5 % akzeptabel)
Diese Gebühr ist keineswegs willkürlich. Sie besteht fast vollständig aus zwei Komponenten: dem Finanzierungskostensatz (dem Risikofreiheitszins auf den geliehenen Betrag) und einer kleinen Versicherungsprämie für das Kursabsicherungselement der Option. Bei einem Strike von 120 € und einem Aktienkurs von 200 € entspricht der reine Finanzierungsanteil ungefähr 120 / 200 × 4,5 % = 2,7 % p.a. – das ist das Fundament des Aufgelds. Der Rest ist die optionale Volatilitätsprämie.
Das Wichtigste daran: Dieser Satz macht den DITM-Schein zum günstigsten Hebelinstrument, das Privatanlegern zur Verfügung steht:
Hebelinstrument
Typische Jahreskosten (2024)
Zusatzrisiken
DITM-Optionsschein (40 % ITM)
3,5 – 4,5 %
Emittentenrisiko (beherrschbar)
Wertpapierkredit (deutsche Broker)
5,5 – 8,5 %
Margin-Call-Risiko
Lombard-Kredit
4,5 – 7,0 %
Nur für große Portfolios
CFD (long, overnight)
6,5 – 10,0 %
Totalverlust ohne Kursablauf-Puffer
Knock-Out-Zertifikat
4,0 – 6,0 %
Sofortiger Totalverlust beim KO-Level
Der DITM-Schein ist das einzige Instrument dieser Liste, das keinen Margin-Call kennt, keinen sofortigen Totalverlust beim Unterschreiten einer Barriere riskiert und dabei unter den Finanzierungskosten eines Wertpapierkredits liegt.
Schritt 5: Das Omega (effektiver Hebel) als abschließende Plausibilitätsprüfung
Das Omega (auch: effektiver Hebel) gibt an, um wie viel Prozent sich der Optionsschein bewegt, wenn die Aktie um ein Prozent steigt. Es ergibt sich aus Delta multipliziert mit dem Verhältnis Aktienkurs zu Optionspreis.
Zielkorridor: 1,8-fach bis 2,2-fach.
Liegt das Omega darunter (unter 1,6×), ist der Schein so tief im Geld, dass kaum noch Kapitalvorteil gegenüber dem Direktkauf besteht. Liegt es darüber (über 2,5×), ist der Zeitwertanteil zu hoch und der Schein verhält sich nicht mehr wie ein echter Aktienersatz.
Der vollständige Fünf-Punkte-Checklisten-Überblick:
Kriterium
Zielwert
Minimum
Maximum
Laufzeit
24 Monate
20 Monate
28 Monate
ITM-Tiefe
≈ Aktien-IV (× 0,9 bei IV > 40 %)
20 %
50 %
Delta
0,90–0,92
0,88
0,93
Aufgeld p.a.
unter 4 %
—
5,5 % (bei IV > 45 %)
Omega
1,85–2,1×
1,7×
2,4×
▶️▶️Passenden Optionsschein finden: Der Comdirect-Screener
Pfad: Im Menü über Informer ➔ Optionsscheine (Profi-Suche).
Basis-Einstellungen: Wunschaktie eingeben und Typ auf Call setzen.
Profi-Filter aktivieren:
▶️Restlaufzeit: „von 2 Jahre bis endlos“ (stoppt den Zeitwertverfall)
▶️Delta: „> 0,8“
Die Auswahl: Auf „Meine Treffer“ klicken und ▶️Liste nach der Spalte Delta sortieren. Ziel ist ein Schein im Sweet Spot zwischen 0,88 und 0,93 (Punktlandung bei ~0,90).
Der finale Datenblatt-Check:
Aufgeld p.a.: Unter 4 % (bei hochvolatilen Tech-Werten bis 5 %)
Omega (echter Hebel): Im Bereich von 1,8 bis 2,2
Spread (Spanne): Prozentual unter 1 %
⚠️ Eiserne Ausstiegsregel: Den Schein niemals bis zum bitteren Ende halten! Planmäßig 6 bis 9 Monate vor Laufzeitende verkaufen oder in den nächsten 24-Monats-Schein rollen, um Gewinne zu sichern.
5. Das Meisterklasse-Beispiel: Apple im Härtetest
Schauen wir uns die mathematische Realität an einem konkreten Rechenbeispiel an. Wir vergleichen das Investment in 1 Apple-Aktie mit dem Kauf von 10 DITM-Optionsscheinen (Bezugsverhältnis 0,1).
Ausgangslage: Apple steht heute bei 200 €.
Dein DITM-Schein (40 % ITM): Strike bei 120 €, Laufzeit 2 Jahre.
Preiszusammensetzung: Innerer Wert = 80 € (mal Bezugsverhältnis 0,1 = 8,00 €). Die Bank verlangt 0,60 € Zeitwert. Der Schein kostet also 8,60 €.
Kapitaleinsatz:
Aktien-Käufer: 200,00 €
DITM-Käufer (10 Scheine): 86,00 € (Du sparst 114 € Kapital!)
Gewinnschwelle (Break-Even) bei Haltedauer bis Fälligkeit: 206,00 € (Aktienkurs + Aufgeld). Bei vorzeitigem Verkauf – was Kapitel 7 empfiehlt – ist der Break-Even durch verbleibenden Restzeitwert im Schein tatsächlich etwas günstiger.
Hier ist die exakte Abrechnung am Tag der Fälligkeit in genau 2 Jahren (wenn aller Zeitwert auf 0 € gesunken ist):
Szenario (Apple-Kurs in 2 J.)
Wert Aktie
Rendite Aktie
Wert 10 OS
Rendite OS
Finanzmathematische Erklärung
1. Extreme Rallye (Kurs steigt auf 400 €)
400,00 €
+100,0 %
280,00 €
+225,6 %
Maximale Hebelwirkung. Du nimmst absolut 194 € des Gewinns mit, hast aber nur 86 € eingesetzt.
2. Starker Anstieg (Kurs steigt auf 300 €)
300,00 €
+50,0 %
180,00 €
+109,3 %
Der Hebel greift voll (Faktor ~2,2). Der absolute Euro-Gewinn ist fast identisch zum Direktinvestment (94 € vs. 100 €).
3. Geringer Anstieg (Kurs steigt auf 220 €)
220,00 €
+10,0 %
100,00 €
+16,3 %
Solider Erfolg. Das Aufgeld (6 €) wird durch den Kursgewinn überkompensiert. Prozentual schlägst du die Aktie.
4. Seitwärtslauf (Kurs bleibt bei 200 €)
200,00 €
0,0 %
80,00 €
-7,0 %
Maximale Resilienz. Der reine Zeitwert ist verfallen. Du verlierst lediglich 6 € „Miete" an den Emittenten. Ein ATM-Schein wäre hier bei -100 %!
5. Moderater Rückschlag (Kurs fällt auf 170 €)
170,00 €
-15,0 %
50,00 €
-41,9 %
Abgefedert. Prozentual bist du tiefer im Minus, aber in echten Euros verlierst du fast exakt so viel wie der Aktionär (-36 € vs. -30 €).
6. Starker Einbruch (Kurs fällt auf 140 €)
140,00 €
-30,0 %
20,00 €
-76,7 %
Erweiterter Puffer. Der Schein bleibt knapp im Geld. Der absolute Euro-Verlust deckelt sich langsam im Vergleich zur Aktie (-66 € vs. -60 €).
7. Der totale Crash (Kurs stürzt auf 100 €)
100,00 €
-50,0 %
0,00 €
-100,0 %
Die Risiko-Asymmetrie. Der Schein verfällt wertlos. ABER: Absolut verlierst du weniger Geld als der Aktionär! (-86 € bei dir vs. -100 € beim Aktionär).
6. Warum macht das dann nicht jeder?
Wenn diese Strategie so viele mathematische Vorteile bietet – warum hört man so selten davon?
Der Lotterie-Effekt (Gier): Die meisten Privatanleger wollen mit Optionsscheinen aus 500 € über Nacht 5.000 € machen. Sie suchen den 10-fach-Hebel. Ein DITM-Schein mit einem soliden, bodenständigen Hebel von 2,2 ist ihnen schlichtweg „nicht aufregend genug".
Die optische Täuschung beim Preis: Ein DITM-Schein kostet im obigen Beispiel 8,60 €. Ein wertloser Zockerschein weit aus dem Geld kostet vielleicht nur 0,20 €. Anfänger erliegen dem psychologischen Fehler zu denken: „Ich kaufe lieber 1.000 Stück von dem billigen Schein, da kann ich viel mehr gewinnen!" Dass die Wahrscheinlichkeit für einen Totalverlust bei dem billigen Schein bei über 95 % liegt, blenden sie aus.
Die Banken verdienen nichts daran: Emittenten (die herausgebenden Banken) verdienen ihr Geld mit dem Zeitwert und großen Geld-Brief-Spannen bei spekulativen Scheinen. An den fairen, transparenten DITM-Scheinen haben sie kaum Marge, weshalb sie diese Produkte niemals aktiv bewerben.
Wichtig: Das Emittentenrisiko – der einzige echte Unterschied zur Aktie
Es gibt einen wichtigen Punkt, den kaum ein Ratgeber zu Optionsscheinen offen ausspricht: Anders als eine Aktie oder eine börslich gehandelte US-Option ist ein Optionsschein rechtlich gesehen eine Schuldverschreibung der emittierenden Bank. Das bedeutet: Geht der Emittent insolvent, verfällt dein Schein wertlos – unabhängig davon, wie tief er im Geld liegt und wie gut die zugrunde liegende Aktie dasteht. Das mussten Anleger 2008 bei der Pleite von Lehman Brothers auf bittere Weise erfahren.
In der Praxis ist dieses Risiko bei den großen, etablierten Emittenten (HSBC, BNP Paribas, Citi, DZ Bank) überschaubar – aber es existiert und sollte bewusst sein. Zwei einfache Schutzmaßnahmen:
Kaufe nur Scheine von Emittenten mit hohem Kreditrating (mindestens A, besser AA).
Verteile größere Positionen auf zwei verschiedene Emittenten, um das Klumpenrisiko zu reduzieren.
7. Die wichtigste Profi-Regel beim Ausstieg: Niemals bis zum Ende halten!
Es gibt einen fatalen Fehler, den du unbedingt vermeiden musst: Einen DITM-Optionsschein bis zum allerletzten Tag der Laufzeit im Depot liegen zu lassen.
Die eiserne Regel lautet: Rolle oder verkaufe den Schein ca. 6 bis 9 Monate vor dem Laufzeitende.
Genau dafür ist die 24-monatige Laufzeit optimal – sie gibt dir dieses komfortable Zeitfenster, ohne dass du von Anfang an unter Druck stehst. Bei einem 18-monatigen Schein wäre dasselbe Fenster bereits nach spätestens 9 Monaten erreicht, was bedeutet, dass du kaum Zeit hast, die Position ruhig zu beobachten.
Warum? Es gibt zwei primäre Gründe:
Wenn dein Plan aufging (Die Aktie ist gestiegen): Ist Apple auf 280 € geklettert, ist dein Schein unfassbar teuer geworden. Dein Delta liegt fast bei 1,0. Das bedeutet: Du bindest mittlerweile fast genauso viel Kapital im Schein wie beim Kauf der echten Aktie. Die Kapitaleffizienz ist weg. Die Lösung: Verkaufe den Schein 6–9 Monate vor Ende, streiche die massiven Gewinne ein, und kaufe („rolle") einen neuen Schein mit wieder 24 Monaten Laufzeit und einem Delta von ~ 0,9. So nimmst du Cash vom Tisch und bewahrst den Hebel-Effekt.
Wenn der Markt gecrasht ist (Die Aktie ist gefallen): Fällt Apple unter deinen Strike von 120 €, droht am Ende der Totalverlust. Zudem gilt: Je näher das Ende rückt und je dichter die Aktie an den Strike fällt, desto aggressiver wird plötzlich der Zeitwertverfall (Theta). Dann verhält sich der Optionsschein langsam eben wie ein “am Geld” gekaufter Optionsschein. Die Lösung: Ziehe 6–9 Monate vor Ende die Reißleine, rette den verbleibenden Restwert des Scheins und akzeptiere den überschaubaren Verlust, bevor die Zeit den Schein komplett auffrisst.
Fazit: Die Königsklasse des Hebelns
Deep In-The-Money Optionsscheine sind kein Instrument für Zocker, sondern für intelligente Investoren, die einen hocheffizienten Aktienersatz suchen. Du nutzt das geliehene Geld der Bank zu extrem günstigen Konditionen – günstiger als jeder Wertpapierkredit, günstiger als CFDs, ohne Margin-Call-Risiko –, nimmst die vollen Euro-Gewinne einer Aktie mit, reduzierst aber gleichzeitig dein absolutes Euro-Risiko bei einem unvorhergesehenen Markt-Crash.
Die drei Entscheidungen, die alles bestimmen, sind: 24 Monate Laufzeit als fixer Standard, Delta 0,88–0,93 als primäres Screener-Kriterium. Daraus ergibt sich automatisch ein Strike, der der impliziten Volatilität der Aktie entspricht – so musst du nicht mit einem fixen Prozentwert (z. B. 40% unter Aktienkurs) arbeiten, der sowieso nicht optimal zu jeder Aktie passen würde.
Wer die Stellschrauben richtig setzt, baut eine Position auf, die sich wie eine Aktie verhält, aber nur halb so viel Kapital bindet und dabei noch einen eingebauten Schutzpuffer besitzt.
Das durch den Optionsschein eingesparte Kapital gehört dabei in sichere, liquide Anlagen – nicht in weitere Hebelprodukte. Erst diese Disziplin macht die Strategie zum echten Risikomanagement-Werkzeug statt zum verkappten Zockerdepot.
Wenn du das nächste Mal von einer Aktie felsenfest überzeugt bist, lass die Finger von den riskanten Scheinen “am Geld” (ATM). Mach es wie die Profis an der Wall Street: Geh tief ins Geld (DITH), wähle den richtigen Optionsschein wie oben dargestellt und lass die Zeit für dich – statt gegen dich – arbeiten.
Habe aber immer im Hinterkopf, dass im schlimmsten Fall das Kapital vollständig verloren gehen kann.
Deswegen habe ich mir angewöhnt, das Risiko über die Positionsgröße zu steuern.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Optionsscheine und andere Derivate können zu einem Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Bitte konsultiere vor einer Anlageentscheidung einen qualifizierten Finanzberater.