IPO – Börsengänge von SpaceX, OpenAI und Anthropic

Der smarte IPO-Einstieg: Warum du bei SpaceX, OpenAI und Anthropic nicht am ersten Tag voll kaufen solltest

Ein datenbasierter und psychologischer Leitfaden für langfristig orientierte Investoren

Die spannendsten Börsengänge der Geschichte stehen im Fokus der Anleger: SpaceX, Anthropic und das OpenAI-Imperium hinter ChatGPT. Wer in diese Giganten investieren möchte, steht vor einer Frage, die sich jeder IPO-Interessierte stellen sollte, bevor er auf den Kaufen-Button drückt: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Die ehrliche Antwort der Finanzwissenschaft lautet: Fast nie am ersten Handelstag. Doch die ehrliche Antwort der Verhaltensökonomie lautet auch: Reine Mathematik scheitert oft an der menschlichen Psyche.

Dieser Leitfaden fasst zusammen, was Jahrzehnte akademischer Forschung über den optimalen IPO-Einstieg sagen, warum die Realität an der Broker-Schnittstelle am ersten Tag tückisch ist und wie du mit einem pragmatischen 20/80-Split den perfekten Kompromiss aus kühler Logik und emotionalem Selbstschutz findest.

Das strukturelle Problem mit IPO-Preisen

Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, sind die Interessen fast aller Beteiligten klar nach oben ausgerichtet. Das Unternehmen möchte maximal viel Kapital einsammeln. Die begleitenden Investmentbanken verdienen eine prozentuale Provision auf die Emissionserlöse — typischerweise stabile 7 Prozent. Gründer und Risikokapitalgeber wollen ihre Anteile zu Spitzenbewertungen versilbern.

Für den Privatanleger, der am ersten Handelstag kauft, ist dieses Gefüge ungünstig. Er ist das letzte Glied in der Nahrungskette — derjenige, an den alle anderen verkaufen wollen.

Jay Ritter von der University of Florida, der als „Mr. IPO" der Finanzwissenschaft gilt, hat dieses Phänomen präzise dokumentiert. Seine langfristige Datenbasis umfasst rund 9.300 US-Börsengänge von 1980 bis heute. Das Grundmuster ist ernüchternd: IPOs underperformen den breiten Markt im Durchschnitt um etwa 21,6 Prozent über die ersten drei Jahre. Rund 64 Prozent aller börsennotierten Neulinge hinken dem Markt nach 36 Monaten um mehr als 10 Prozent hinterher.

Drei Ereignisse, die den Kurs nach dem IPO bewegen

Zwischen dem ersten Glockenschlag und dem Zeitpunkt, an dem sich ein Kurs fundamental stabilisiert, gibt es drei strukturelle Meilensteine, die den Verlauf systematisch beeinflussen:

Der erste Handelstag – und warum er trügt: Der durchschnittliche „First-Day-Return" — also der Kursanstieg vom Ausgabepreis zum Schlusskurs des ersten Handelstags — beträgt historisch 18,8 Prozent. In euphorischen Marktphasen schnellt dieser Wert oft auf über 60 Prozent hoch. Das Problem: Der günstige Ausgabepreis gilt fast ausschließlich für institutionelle Investoren. Wer als Privatanleger am freien Markt einsteigt, zahlt bereits den aufgeblähten Ersttag-Preis.

Das Ende der Quiet Period (Tag 25–40): Nach dem IPO dürfen die begleitenden Investmentbanken wochenlang keine Analysen veröffentlichen. Sobald diese Frist endet, initiieren die Analysten der Underwriter-Banken in 76 Prozent der Fällen eine Kaufempfehlung. Das löst einen künstlichen, kurzfristigen Kursanstieg von durchschnittlich 4,1 Prozent aus. Für aufgeklärte Investoren ist das kein Kaufsignal, sondern eine Bestätigung, dass der Kurs marketingtechnisch gestützt wird.

Ende der Sperrfrist / Lock-up-Ablauf (Tag 90–180) – Der Wendepunkt: Das Lock-up Agreement im S-1-Prospekt verhindert, dass Insider (Gründer, Mitarbeiter, VC-Geber) ihre Aktien sofort auf den Markt werfen. Diese Sperrfrist beträgt meist 180 Tage. Studien zeigen: Um den Ablauftag herum steigt das Handelsvolumen dauerhaft um 40 Prozent, während der Kurs im Schnitt spürbar nachgibt, da das Angebot an Aktien plötzlich die Nachfrage überschwemmt. Short-Seller antizipieren dies und bauen oft schon Wochen vorher Druck auf.

Der empirische Sweet Spot: Aus der Überlagerung dieser Effekte ergibt sich unterm Strich ein konsistentes Fenster. Der historisch günstigste Einstiegszeitraum liegt etwa 2 bis 6 Wochen nach Ablauf der Lock-up-Sperrfrist – also grob 7 Monate nach dem Börsengang. Der Hype ist abgekühlt, der Insider-Druck absorbiert, und das Unternehmen musste bereits zwei echte Quartalsberichte vorlegen.

Nicht alle IPOs sind gleich: Dein gewichteter Selektionsfilter

Nein, du musst nicht bei jedem Kriterium blind einen Haken setzen können. Die Daten von Jay Ritter und anderen Forschern zeigen eine klare Hierarchie: Einige Faktoren sind harte, unumstößliche Ausschlusskriterien (K.o.-Filter), während andere als dynamische Trade-offs (Gewichtungen) funktionieren.

Scanne jeden IPO nach dieser dreistufigen Gewichtungsmatrix:

Ebene 1: Das absolute K.o.-Kriterium (Gewichtung: 100% Pflicht)

☐ Das Umsatz-Fundament: Ein Blick auf Ritters Daten zeigt, dass Umsatz nicht nur eine Kennzahl, sondern ein essenzieller Filter ist. Wir können den IPO-Markt in vier klare Stufen unterteilen:

Unter $300 Mio.: K.o.-Kriterium. Unterhalb dieser Schwelle wird es nach dem IPO fast immer schlecht. Die Ausfallraten und Kursverluste sind hier historisch am höchsten.

$300 Mio. bis $500 Mio.: Die riskante Grauzone. Es gibt Gewinner, aber das Verlustrisiko bleibt extrem hoch.

$500 Mio. bis $1 Mrd.: Wirklich interessant. Ab einer halben Milliarde stabilisieren sich die Geschäftsmodelle zusehends.

Über $1 Mrd.: Der Sweet Spot. Ab dieser Umsatzgröße arbeitet die historische Evidenz klar für dich. Unternehmen dieser Klasse haben die kritische Masse erreicht, um auch als Public Company langfristig zu bestehen.

Konsequenz: Hat das Unternehmen weniger als $300 Mio. Umsatz? -> Sofortiges Investitionsverbot. Reine „Konzept-Aktien“ ohne nennenswerte Erlöse fliegen sofort aus deinem Universum. Hier gibt es keine Ausnahmen.

Ebene 2: Der große Trade-off (Gewichtung: Flexibel balancieren)

☐ Profitabilität vs. Umsatzbasis: Ein Haken bei echtem Gewinn (positives EPS) ist der Königsweg, denn profitable IPOs schlagen unprofitable historisch um 32 Prozentpunkte. Aber: Ein Verlustunternehmen ist kein automatisches K.O., wenn die Umsatzbasis bereits gigantisch ist und Skaleneffekte sichtbar sind. Das historische Vorbild: Airbnb war beim IPO tiefrot, hatte aber über 3 Milliarden Dollar Umsatz und einen klaren Hebel zur Profitabilität. Meta hingegen war beim IPO bereits hochprofitabel.

Konsequenz: Ist das Unternehmen unprofitabel, darfst du den Haken nur dann setzen, wenn der Umsatz extrem hoch ist (deutlich über der 300-Millionen-Basis) und der S-1-Prospekt einen nachvollziehbaren Pfad zur Gewinnzone innerhalb von 24 Monaten aufzeigt.

Ebene 3: Die Risiko-Multiplikatoren (Gewichtung: Bestimmt das Timing)

☐ Sektor & Peer-Bewertung: Der Tech-Sektor liefert historisch die stärksten IPOs (plus 26,7 Prozent marktadjustierte Outperformance).

❌ Branchen wie Biotech sind dagegen reine Lottoscheine und werden von mir gemieden. Ich investiere also in keine Biotech-IPOs.

Gleichzeitig gilt: Je höher die Bewertung (Kurs-Umsatz-Multiple) über den börsennotierten Branchen-Peers liegt, desto schlechter ist die langfristige Rendite.

Die 100x-KUV-Falle: Warum du heute für die Zukunft zahlst

Wenn du dir die aktuellen KI-IPOs wie Cerebras, OpenAI oder Anthropic ansiehst, wirst du oft eine Kennzahl finden, die klassische Investoren erschreckt: Das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) liegt bei diesen Unternehmen nicht selten im dreistelligen Bereich (KUV 100 und mehr).

Was bedeutet das? Wenn eine Aktie ein KUV von 100 hat, zahlst du 100 Euro für jeden Euro Umsatz, den das Unternehmen aktuell generiert. In einer normalen Wirtschaftswelt gelten Werte zwischen 2x und 5x als gesund. Warum zahlen Investoren bei KI-IPOs also so verrückte Preise?

Sie kaufen nicht den Umsatz von heute, sondern wetten darauf, dass das Unternehmen seinen Umsatz in den nächsten zwei Jahren verzehnfacht. Der Markt „preist“ also die perfekte Zukunft ein. Das Problem: Wenn das Unternehmen das Wachstumstempo auch nur minimal verfehlt oder ein Quartal nicht perfekt abliefert, bricht dieses Kartenhaus zusammen. Das „Wachstums-Premium“ verschwindet, und die Aktie korrigiert nicht um 10 Prozent, sondern halbiert oder drittelt sich.

▶️ Das ist genau der Grund, warum du im 7ten Monat nach Börsengang (ca. 4 Wochen nach Ablauf der Lock-up-Frist) prüfen musst: „Hat das Unternehmen geliefert? Ist der Umsatz weiter so explodiert, dass das 100x-KUV heute vielleicht schon ein 40x-KUV ist?“

Kriterium 4: Marktphase

☐ Die Marktphase: In extremen Hype-Jahren (wie 1999 oder 2021) sinken die Qualitätsfilter der Banken. Die Folge sind historisch katastrophale IPO-Jahrgänge. In normalen oder „kalten“ Marktphasen kommen hingegen nur extrem starke Unternehmen durch. 

So prüfst du das in der Praxis: Schau auf Finanzportalen (wie StockAnalysis.com oder Renaissance Capital) auf die reine Anzahl der IPOs im laufenden Jahr. Ein gesundes Jahr in den USA hat 100 bis 200 Börsengänge. Schießt die Zahl über 350 oder 400 (wie 2021 mit über 1.000 inkl. SPACs), brennt der Markt und Qualität wird ignoriert.

Alternativ: Wirf einen Blick auf den Chart des Renaissance IPO ETF (Ticker: IPO). Zieht dieser dem breiten S&P 500 plötzlich fast vertikal davon, befinden wir uns in einer ungesunden Übertreibungsphase.

 

Die Praxis-Analyse: SpaceX, Anthropic und OpenAI (ChatGPT)

Wie schlagen sich die meistdiskutierten Unternehmen unserer Zeit in diesem Raster? Jagen wir die drei Giganten systematisch durch die vier Kriterien.

1. SpaceX (Stand: Mai 2026 S-1 Filing)

Kriterium 1 – Umsatz (K.o.: > $300 Mio. / Sweet Spot: > $1 Mrd.): ✅ Klarer Haken. Mit 18,7 Milliarden US-Dollar Umsatz in 2025 (ein Wachstum von 33 %) pulverisiert SpaceX diese Marke. Das Geschäftsmodell aus Starlink, Falcon-Starts und Starship-Verträgen ist hochgradig real.

Kriterium 2 – Profitabilität vs. Umsatz: ⚠️ Trade-off bestanden. Das bereinigte EBITDA ist stark, doch SpaceX verbrennt nach GAAP unfassbare 4,94 Milliarden USD (Stand 2025). Da diese extremen Verluste jedoch logisch aus den Infrastruktur-Investments (Satelliten-Netzwerk, xAI-Fusion) in einem Markt mit massiven Burggräben resultieren und der Umsatz exorbitant ist, ist der Haken vertretbar.

Kriterium 3 – Bewertung vs. Peers: ❌ Achtung, Rotlicht. SpaceX strebt eine Bewertung von bis zu 2 Billionen USD an. Das Problem: Es gibt keine echten Peers. Ein Vergleich mit Boeing oder Lockheed Martin greift zu kurz, ein Vergleich mit Microsoft ist falsch. Ohne Maßstab ist die Gefahr einer maßlosen Überbewertung zum Erstnotierungstag immens.

Kriterium 4 – Marktphase: ✅ Haken. Wir befinden uns aktuell (2026) in einem wählerischen Markt, nicht in einem blinden Hype-Zyklus wie 2021.

Fazit: Attraktiv, aber durch die irre Bewertung extrem anfällig für eine scharfe Post-IPO-Korrektur. Ein perfekter Kandidat für die 7-Monats-Regel.

 

2. OpenAI / ChatGPT

Kriterium 1 – Umsatz (K.o.: > $300 Mio. / Sweet Spot: > $1 Mrd.): ✅ Klarer Haken. Mit $13 Milliarden Umsatz im Jahr 2025 und einer aktuellen Jahres-Laufrate (Run Rate) von über $25 Milliarden bis März 2026 liegt OpenAI massiv über der Milliarden-Grenze. Die Marktakzeptanz ist historisch einmalig.

Kriterium 2 – Profitabilität vs. Umsatz: ⚠️ Trade-off bestanden. OpenAI verbrennt unfassbare Summen. Die Entwicklung von AGI (Artificial General Intelligence) und das Training von Modellen wie GPT-5/6 verschlingen Milliarden an Rechenkosten. Doch wie bei SpaceX rechtfertigt das schiere Umsatzvolumen und die noch vorhandene Marktführerschaft diesen Cash-Burn.

Kriterium 3 – Bewertung vs. Peers: ❌ Achtung, Rotlicht. Die Bewertung des Unternehmens sprengt historische Maßstäbe: Während frühere Schätzungen noch von 150 bis 300 Milliarden USD ausgingen, liegt die aktuelle Privatmarktbewertung bei rund $852 Milliarden. Analysten erwarten für einen potenziellen Börsengang sogar eine Bewertung von über $1 Billion. Auch hier fehlt ein isolierter, reiner KI-Peer, da Google und Microsoft extrem diversifizierte Konzerne sind.

Kriterium 4 – Marktphase: ✅ Haken. Solides Makro-Umfeld.

Fazit: Ähnlich wie SpaceX. Die Marke ChatGPT treibt den Retail-Hype am IPO-Tag ins Unermessliche. Hier am ersten Tag Market-Orders auszuführen, ist finanzieller Selbstmord.

 

3. Anthropic (Claude)

Kriterium 1 – Umsatz (K.o.: > $300 Mio. / Sweet Spot: > $1 Mrd.): ✅ Klarer Haken. Das B2B-Geschäft und die API-Nutzung skalieren rasant und haben den Sweet Spot von einer Milliarde Dollar Umsatz längst hinter sich gelassen.

Kriterium 2 – Profitabilität vs. Umsatz: ⚠️ Trade-off auf der Kippe. Anthropic verzeichnet die gleichen immensen Compute-Kosten wie OpenAI — doch das Bild ist differenzierter als es scheint: Im Enterprise-Segment hat Anthropic OpenAI inzwischen überholt; im März 2026 entfielen bereits 65 Prozent der neuen B2B-KI-Ausgaben auf Claude. Was Anthropic jedoch noch fehlt, ist die globale B2C-Abo-Macht von ChatGPT mit seinen Millionen Privatkunden — genau jene planbaren Massenmarkt-Einnahmen, die den Cash Burn strukturell abfedern. Der S-1-Prospekt wird zeigen müssen, ob das explosive Enterprise-Wachstum schnell genug skaliert, um den Pfad zur Profitabilität ohne weitere Mega-Finanzierungsrunden zu tragen.

Kriterium 3 – Bewertung vs. Peers: ❌ Achtung, Rotlicht. Das Unternehmen wurde bei der Series-G-Finanzierung Anfang 2026 bereits mit 380 Milliarden USD bewertet. Aktuell befindet sich Anthropic jedoch in Gesprächen über eine neue Runde, die das Unternehmen bei knapp $900 Milliarden bewerten und damit erstmals in Bewertungsdimensionen oberhalb von OpenAI katapultieren würde. Für die klare Nummer 2 (oder 3) im Markt ist das ein Kurs-Umsatz-Multiple, das keinen einzigen Fehler in der Ausführung mehr erlaubt.

Kriterium 4 – Marktphase: ✅ Haken.

Fazit: Das größte Risiko unter den dreien. Hier ist das Warten auf Quartalszahlen als börsennotiertes Unternehmen (und damit das Warten auf den 7. Monat) absolute Pflicht.

 

Was auffällt: Alle drei bestehen den K.O.-Filter (Umsatz) und alle drei haben dieselbe strukturelle Schwäche (kein Gewinn, irres dreistelliges KUV). 

 

Umsatz ✅ → es lohnt sich grundsätzlich hinzuschauen

Kein Gewinn ⚠️ → der faire Preis ist unbekannt, Geduld ist Pflicht

KUV dreistellig ❌ → am Ersttag des IPO zahlst du garantiert zu viel

Gesamtmarkt gesund ✅ → die Anzahl der IPOs ist 2026 noch in einem vernünftigen Rahmen

 

 

Psychologie vs. Mathematik: Die 20/80-Strategie

Wer die obigen Daten kennt, weiß, dass ein Einstieg am ersten Handelstag des IPO mathematisch suboptimal ist. Doch wir sind Menschen, keine Excel-Tabellen. Hier kommt die psychologische Komponente ins Spiel: FOMO (Fear Of Missing Out).

Wenn OpenAI oder SpaceX an die Börse gehen und die Aktie in den ersten Tagen massiv nach oben schießt, wirft der emotionsgetriebene Anleger seine gesamte Strategie aus Frust über den Haufen. Die Folge: Er kauft im emotionalen Ausnahmezustand mit 100 Prozent seines Kapitals am absoluten Höchstpunkt ein.

Um sich vor der eigenen Psyche zu schützen, bietet sich ein pragmatischer, zweistufiger Kompromiss an: Ein 20/80-Kapitalsplit.

Die Mechanik am Tag des IPO bei Interactive Brokers (IBKR)

Wenn du dich entscheidest, am Tag des IPOs 20 Prozent deines reservierten Kapitals zu investieren, musst du die Spielregeln deines Brokers verstehen:

Du kaufst nicht zum Ausgabepreis: Der im Vorfeld kommunizierte IPO-Preis gilt nur für Institutionelle. Wenn das Papier in der Trader Workstation oder der IBKR-App freigeschaltet wird, öffnet es mit einem freien Marktpreis. Dieser liegt bei Mega-IPOs meist massiv über dem Ausgabepreis. Du kaufst in der Sekunde, in der Erstzuteiler ihre Gewinne realisieren. Du fungierst als deren Exit-Liquidität.

Das eiserne Gebot – Keine Market-Orders: Die Spreads und die Volatilität sind in den ersten Handelsminuten vogelwild. Nutze bei Interactive Brokers ausnahmslos Limit-Orders. Wenn du eine Market-Order aufgibst, läufst du Gefahr, zu einem absurden Spitzenpreis abgefüllt zu werden, der Sekunden später in sich zusammenbricht.

Lass die Eröffnungsklingel verstreichen: Kaufe niemals in den ersten 15 Minuten nach Handelsstart. Warte, bis die erste unkontrollierte Orderwelle durchs Orderbuch gerauscht ist und sich der Kursverlauf im Chart zumindest ansatzweise stabilisiert.

Warum “normale deutsche Broker” am Tag des IPOs scheitern: Wer versucht, die erste Tranche über deutsche Apps zu kaufen, erlebt am Tag des IPOs oft eine böse Überraschung. Plattformen wie Trade Republic sind schlicht zu langsam und listen die Aktie meist erst mit Stunden Verspätung über deutsche Zwischenhändler. Zwar kann man auch bei Brokern wie Traders Place direkt an der US-Heimatbörse NASDAQ handeln, doch am Tag eines Mega-IPOs droht hier eine andere Falle: Die Abwicklung läuft im Hintergrund über eine deutsche Partnerbank (die Baader Bank). Schießt der Kurs in den ersten Minuten wild nach oben und unten, schalten diese Systeme bei extremem Hype und gigantischen Datenmengen oft auf Störung oder setzen den Handel komplett aus. Ein Profi-Broker wie Interactive Brokers (IBKR) hingegen hängt ohne Zwischenstationen direkt an der US-Infrastruktur. Nur so kaufst du am Tag des IPOs sekundenaktuell, stabil und zu fairen, echten Marktpreisen.

Broker: Interactive Brokers * (Werbung / Affiliate-Link) Transparenzhinweis: Wenn du dich über diesen Link anmeldest, unterstützt du meine Arbeit mit einer kleinen Provision. Für dich bleibt der Preis gleich. (Manchmal kannst du sogar eine Werbeprämie erhalten, da es ein Freundschaftswerbungslink von mir ist.)

Das Zusammenspiel der Tranchen

Mit diesem Wissen bewaffnet, sichern dich die ersten 20 Prozent emotional ab. Du bist „dabei“ und hast sozusagen “den Fuß in der Tür”. Für den weiteren Verlauf ergeben sich zwei Szenarien:

Szenario A (Die historische Norm): Die Aktie feiert ihren Ersttagshype und beginnt dann in den Folgemonaten unter dem Druck der Tech-Milliardenverluste und der schwindenden Aufmerksamkeit zu bröckeln. Im 7. Monat, wenn der Lock-up-Ablauf die Schleusen für Insider öffnet, steht der Kurs tiefer. Dein Vorteil: Deine erste Position ist zwar im Minus, aber du hast noch 80 Prozent deiner Munition. Du kaufst nun zu einem massiven Discount ein und drückst deine durchschnittliche Kaufbasis (Average-Cost-Basis) drastisch nach unten.

Szenario B (Die Hype-Ausnahme): Die Begeisterung bricht nicht ab, die Aktie zieht entgegen der Statistik sofort unaufhaltsam nach oben. Dein Vorteil: Du hast den Einstieg nicht komplett verpasst. Deine 20 Prozent werfen eine hervorragende Rendite ab. Die restlichen 80 Prozent investierst du im 7. Monat zwar teurer, aber dafür in ein Papier, das über zwei Quartale hinweg außergewöhnliche relative Stärke bewiesen hat.

Die eiserne Quarantäne-Regel: Zwischen dem Kauf der ersten 20 Prozent und dem Ablauf der Lock-up-Frist nach rund 6 Monaten herrscht absolute Funkstille. Es wird im Niemandsland der Monate 2 bis 6 kein einziger Cent nachgeschossen.

Die finale Checkliste für deinen Einstieg

Wenn du SpaceX, OpenAI oder Anthropic in dein Depot holen willst, moderiere deinen Trade nach diesem klaren Ablaufplan:

[ ] Schritt 1: Das S-1-Filing analysieren. Lies die nackten Zahlen im SEC-Edgar-System, nicht die euphorischen Zusammenfassungen in den sozialen Medien.

[ ] Schritt 2: Das Budget splitten. Definiere eine feste Gesamtsumme. Nimm 20% als “Fuß in die Tür”-Position für den IPO-Tag selbst. Blockiere die restlichen 80 Prozent auf deinem Verrechnungskonto.

[ ] Schritt 3: IPO-Tag diszipliniert abwickeln. Warte die ersten 15 Handelsminuten bei Interactive Brokers ab. Platziere eine defensive Limit-Order. Akzeptiere, dass du über dem institutionellen Ausgabepreis einsteigst.

[ ] Schritt 4: Den Lock-up-Ablauf im Kalender markieren. Ermittle das exakte Datum im Prospekt (meist genau 180 Tage nach dem IPO) und erstelle dir für diesen Zeitpunkt plus vier Wochen einen Kalendereintrag. (= 7 Monate nach IPO)

[ ] Schritt 5: Den großen Einstieg vollziehen. Evaluiere die Aktie im 7. Monat. Vergleiche die Multiples mit dem breiteren Tech-Markt. Wenn der Insider-Verkaufsdruck den Kurs bereinigt hat, investierst du die verbleibenden 80 Prozent deines Kapitals.

▶️Konkret: 7 Monate nach IPO (4 Wochen nach Ablauf der Lock-up-Frist) prüfen: „Hat das Unternehmen geliefert? Ist der Umsatz weiter so explodiert, dass das 100x-KUV heute vielleicht schon ein 40x-KUV ist?“

 

Eine andere Möglichkeit die 80% möglichst clever zu platzieren, könnte sein, wenn die Aktie schon bei Neobrokern als Sparplan verfügbar ist, einen Wochensparplan zwei Wochen nach Ablauf der Sperrfrist aufzusetzen.

Der historisch günstigste Einstiegszeitraum liegt etwa 2 bis 6 Wochen nach Ablauf der Lock-up-Sperrfrist. Deswegen würde sich anbieten genau in diesem Zeitraum mit einem Wochensparplan die restlichen 80% unterzubringen.

 

 

Wer so agiert, nutzt die historische Evidenz der Finanzwissenschaft, ohne die unberechenbare Natur der eigenen Emotionen zu ignorieren. 

Es ist der Unterschied zwischen einem Zocker, der am ersten Tag blind ins offene Messer läuft, und einem strategischen Investor, der den Marktmechanismus zu seinen Gunsten arbeiten lässt.

 

Update 6/26:

Im nachfolgenden Video von Tradermacher wurden etliche Charts von IPOs besprochen. Interessant ist für mich hierbei, dass meine obige Strategie mit 20% zum IPO und später 80% 7 Monate nach dem IPO erstaunlich gut funktioniert hätte. Man wäre so ganz ordentlich in die Aktien hinein gekommen und hätte gut von den späteren Anstiegen profitieren können.

https://youtu.be/xHu17EBBve4?is=1N1yiKAb5o6I1rX8

 

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