"Die ungleiche Logik der Gefühle" oder "Warum der F&G Index kein valides Ausstiegssignal gibt"

Warum Angst an der Börse ein zuverlässiges Signal ist, Gier aber nicht — und was das für eure Investments bedeutet

 

Stellt euch vor, ihr habt ein Thermometer, das Kälte präzise misst — aber bei Hitze einfach irgendwelche Zahlen anzeigt. Ihr würdet es trotzdem benutzen, oder? Ihr müsstet nur wissen, welcher Seite ihr vertrauen könnt.

Genau das ist der CNN Fear & Greed Index.

Er ist ein oft genutztes Instrument unter privaten Investoren, taucht in unzähligen YouTube-Videos auf und wird regelmäßig als Argument benutzt, warum man jetzt kaufen oder verkaufen sollte. Das Problem: Er funktioniert nur in eine Richtung wirklich gut. Und die meisten Anleger nutzen ausgerechnet die andere.

Was der Index überhaupt misst

Der Fear & Greed Index von CNN ist ein zusammengesetzter Indikator aus sieben Komponenten: Marktmomentum, Aktienpreisstärke, Marktbreite, Put/Call-Ratio, Volatilität (VIX), Nachfrage nach sicheren Häfen und Hochzinsanleihen-Nachfrage. Er läuft auf einer Skala von 0 (Extreme Fear) bis 100 (Extreme Greed).

Das klingt nach einem universellen Emotionsbarometer. Und das ist es auch — aber Emotion ist nicht symmetrisch. Der entscheidende Unterschied liegt in der Asymmetrie der Emotionen selbst. Und das ist der Kern von allem.

Angst und Gier sind keine Gegensätze. Sie sind grundverschiedene Zustände.

Stellt euch vor, ihr steht an einer Bushaltestelle. Es ist 23 Uhr, ihr seid allein, und plötzlich hört ihr hinter euch schnelle Schritte. Was passiert in eurem Körper?

Adrenalin. Puls hoch. Muskeln angespannt. Blickfeld verengt. Fluchtbereitschaft.

Das ist Angst — und sie hat eine biologisch festgelegte Reaktionsschwelle und vor allem einen Erschöpfungspunkt. Irgendwann seid ihr in Sicherheit, oder der Puls normalisiert sich. Das Gehirn kann keine unbegrenzte Angst aufrechterhalten. Panik ist intensiv, aber kurz.

 

Stellt euch jetzt vor, ihr habt ein neues Restaurant gefunden, das ihr liebt. Ihr geht einmal, es ist großartig. Ihr geht wieder. Und wieder. Drei Monate später geht ihr immer noch hin.

Das ist Gier — oder besser: Begeisterung, Optimismus, Zuversicht. Und die hat keinen natürlichen Erschöpfungspunkt. Sie kann sich selbst nähren. Sie kann Monate oder Jahre anhalten. Sie kann wachsen, ohne dass irgendetwas sie bremst. Es ist quasi eine Dopamin-Schleife ohne eingebauten Stopp-Mechanismus.

Diese Asymmetrie ist keine Metapher. Sie ist die biologische Realität des menschlichen Emotionssystems — und sie erklärt präzise, warum der Fear & Greed Index auf einer Seite verlässlich ist und auf der anderen nicht.

 

Was das für die Börse bedeutet

Wenn der Fear & Greed Index in den Extreme Fear-Bereich fällt — sagen wir unter 20 — passiert folgendes:

Anleger verkaufen nicht mehr rational. Sie verkaufen, weil sie Angst haben, weil Margin Calls feuern, weil Fonds Liquidität brauchen, weil Medien Tag für Tag Weltuntergangsszenarien zeichnen. Der Markt wird durch erzwungenes Verkaufen getrieben, nicht durch fundamentale Bewertungsänderungen. Es gibt ein mechanisches Muster: Irgendwann ist niemand mehr übrig, der verkaufen will oder muss. Der Boden ist nicht weit.

Das macht das Extreme Fear-Signal zu einem der verlässlichsten Kaufsignale, die es gibt. Nach historischen Daten liegt die durchschnittliche 12-Monats-Rendite des S&P 500, wenn man in der Extreme-Fear-Zone kauft, bei rund +24%. Mit vergleichsweise geringer Streuung. Das ist kein Zufall — es ist die direkte Konsequenz der emotionalen Erschöpfungslogik.

 

Wenn der Index dagegen in den Extreme Greed-Bereich steigt — über 75, über 80, über 90 — passiert etwas anderes.

Anleger kaufen, weil andere kaufen. Weil die Kurse gestiegen sind. Weil sich Investieren gut anfühlt. Weil Freunde davon erzählen. Und dieser Zustand kann sich selbst verstärken, ohne dass eine fundamentale Grenze (außer irgendwann die Liquidität) ihn stoppt. Alan Greenspan warnte 1996 vor "irrational exuberance" — der Crash kam vier Jahre später. Wer 1996 aufgehört hat zu kaufen, hat vier der besten Börsenjahre der Geschichte verpasst.

Die durchschnittliche 12-Monats-Rendite nach Extreme Greed? Irgendwo zwischen +1% und +3%. Klingt nach einem klaren Signal zum Pausieren — bis ihr euch die Streuung anschaut. Diese durchschnittlichen +2% entstehen, weil manche Jahre danach +25% lieferten und andere –20%. Der Mittelwert sagt euch nichts, weil die Schwankungsbreite riesig ist.

Eine Münze hat bei Extreme Greed eine ähnliche Trefferquote wie der Index. Das ist das Problem.

Beobachtungen in den Jahren 2021 bis 2024

2022 war das schlimmste Börsenjahr seit 2008. S&P 500 –18%, Nasdaq 100 –33%. Wenn der Fear & Greed Index als rechtzeitiges Schutzinstrument (zum Ausstieg) funktionieren würde, hätte er vor dem Einbruch warnen müssen. Das hat er nicht.

Der Jahresdurchschnitt 2022 lag bei einem F&G-Wert von ungefähr 38 — also dauerhaft im Fear-Bereich. Warum? Weil das Sentiment bereits in den Keller gerauscht war, bevor die Preise ihre Tiefststände erreichten. Zum Zeitpunkt des eigentlichen Crashs hätte eine "Pausiere bei Extreme Greed"-Strategie längst wieder voll investiert gependelt und die vollen Verluste mitgenommen.

Gleichzeitig hätte dieselbe Strategie in den Jahren 2021, 2023 und 2024 — alle mit hohem durchschnittlichem F&G — erhebliche Renditen verpasst, weil die Märkte in diesen Jahren trotz hoher Gier einfach immer weiter gestiegen sind.

Das ist keine Kritik am Index selbst. Es ist die Konsequenz der oben erklärten Emotions-Asymmetrie: Er ist ein gutes Einstiegssignal im Fear-Bereich, aber kein brauchbares Ausstiegs- oder Pausensignal im Greed-Bereich.

Warum DCA-Sparpläne auf breite ETFs davon weitgehend unberührt bleiben

Wer monatlich einen festen Betrag in einen breit diversifizierten ETF — FTSE All World, S&P 500, Nasdaq 100 — investiert, nutzt einen Mechanismus, der die emotionale Asymmetrie der Märkte automatisch zu seinen Gunsten ausnutzt.

In schlechten Monaten (hohe Angst, niedrige Kurse) kauft ihr mehr Anteile für denselben Betrag. In guten Monaten (hohe Gier, hohe Kurse) kauft ihr weniger. Über Zeit führt das zu einem Durchschnittspreis, der systematisch unter dem Marktdurchschnitt liegt.

Wenn ihr diesen Mechanismus bei Extreme Greed unterbrecht — also genau dann, wenn der Markt hoch steht, aber oft noch weiter steigt — dreht ihr die Logik um. Ihr nehmt euch die Möglichkeit, in der darauffolgenden Korrektur günstig nachzukaufen, weil ihr dann keine frische Rate zur Verfügung habt.

Die Mathematik dazu ist ernüchternd: Eine korrekt ausgesparte Rate von €100, die einen 4%igen Rückgang im Folgemonat vermeidet, spart euch €4 Buchverlust. Dieselbe Rate hätte bei zehn Jahren Restlaufzeit und historischer S&P 500-Rendite auf ca. €259 anwachsen können. Entgangener Nettogewinn: €159. Verhältnis: 1:40. Für jeden Euro temporären Buchverlust, den ihr vermeidet, gebt ihr rund €40 Compounding-Gewinn auf.

Was das für eure Strategie bedeutet

Aus dieser Analyse ergibt sich eine klare, zweiteilige Regel:

A)Für Sparpläne auf breite Index-ETFs: Der Fear & Greed Index ist kein relevanter Faktor. Ihr investiert jeden Monat, unabhängig vom Stand. Punkt. Was dagegen funktioniert, ist das, was ich ja häufig mache: mehr kaufen, wenn der ETF unter seine 200-Tage-Linie fällt, und systematische Nachkaufpläne (NK-Tabellen) für definierte Crashszenarien vorhalten.

 

B)Für den Aufbau von Einzelpositionen ist die Sache komplizierter — und interessanter.

Hier hat der F&G-Index echte Aussagekraft. Aber die Begründung ist nicht die, die die meisten erwarten würden. Es geht nicht primär darum, dass Einzelaktien riskanter als ETFs sind. Es geht darum, welche Aktien ihr in einer Greed-Phase kaufen würdet — und warum das fast zwangsläufig die falschen sind.

Mechanismus 1: Euer Gehirn betrügt euch mit Verfügbarkeit

In einer Phase, in der der F&G-Index über 60 steigt, dominieren bestimmte Aktien die Berichterstattung. Sie sind überall: in Podcasts, auf YouTube, in Gesprächen beim Abendessen, in den meistdiskutierten Threads auf Reddit und X. Euer Gehirn interpretiert das unbewusst als Signal. Nicht weil ihr naiv seid — sondern weil das Gehirn so gebaut ist.

Psychologen nennen das die Verfügbarkeitsheuristik: Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen danach, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen. Die Aktie, über die alle reden, fühlt sich sicherer an. Die Erfolgsgeschichten kommen schnell in den Sinn. Die Risiken sind abstrakt und weit weg.

Das Tragische daran: Je mehr eine Aktie in einer Greed-Phase im kollektiven Bewusstsein ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kurs bereits weit über jeden rationalen Bewertungsrahmen hinausgeschossen ist. Popularität und gute Einstiegspreise sind an der Börse fast systematisch gegenläufig. Die Aktie, über die alle reden, ist meistens genau die, die ihr nicht kaufen solltet.

Mechanismus 2: Die Story ist real — der Kurs nicht mehr

Der zweite Mechanismus ist subtiler und deshalb gefährlicher. Die Aktien, die in einer Greed-Phase "in" sind, sind es meistens nicht zufällig. Sie haben eine kraftvolle, glaubwürdige Story. KI, Blockchain, Biotech-Durchbruch, autonomes Fahren, Energiewende, Rüstung — das Narrativ des Moments ist selten komplett erfunden. Die Unternehmen dahinter sind oft echte Unternehmen mit echten Produkten und echten Wachstumsperspektiven.

Das Problem ist nicht die Story. Das Problem ist, dass die Story bereits vollständig im Kurs eingepreist ist — und oft noch zehn oder zwanzig Jahre Wachstum darüber hinaus.

Das Cisco-Beispiel: Im März 2000 war Cisco Systems kurzzeitig das wertvollste Unternehmen der Welt. Mit einem Börsenwert von über 500 Milliarden Dollar. Cisco war kein Schwindel. Cisco baute die Infrastruktur des Internets — Router, Switches, die physischen Grundlagen der digitalen Welt. Die Story war real, das Produkt war real, das Wachstum war real. Trotzdem verlor die Aktie in den folgenden zwei Jahren über 80% ihres Wertes. Und wer im März 2000 gekauft hatte, wartete mehr als zwanzig Jahre, um wieder in die Gewinnzone zu kommen. Nicht weil Cisco gescheitert ist — sondern weil der Kurs eine Zukunft eingepreist hatte, die sich schlicht nicht so schnell realisiert hat, wie die Gier des Marktes es verlangte.

Das wiederholt sich — immer wieder, in jedem Zyklus

Man könnte denken, das sei eine Ausnahme aus einer einmaligen Dot-Com-Blase. Aber schaut euch an, was in der Greed-Phase 2020 und 2021 passiert ist, als der F&G-Index über Monate im Bereich 70 bis 85 notierte.

Zoom — reales Unternehmen, reales Produkt, jeder nutzte es. Auf dem Höhepunkt war Zoom mehr wert als die gesamte amerikanische Luftfahrtindustrie zusammen. Der Kurs fiel danach um über 85%.

Peloton — reales Unternehmen, reales Produkt, wartete mit 58 Wochen Lieferzeit. Kursverlust danach: über 95%.

Teladoc — Telemedizin, eine der überzeugendsten Langfrist-Stories überhaupt, real und weiterhin wachsend. Kursverlust: über 90%.

ARK Innovation ETF — das Vehikel, das all diese Wachstumsgeschichten bündelte und im Jahr 2020 +150% zulegte. Rückgang: über 75% vom Höchststand.

Alle diese Unternehmen waren real. Keine Betrügereien, kein falschen Bilanzen. Nur Kurse, die Jahrzehnte Wachstum vorweggenommen hatten — in einer Marktphase, in der der F&G-Index wochenlang über 75 notierte und die Berichterstattung von genau diesen Namen dominiert wurde.

 

Warum die Schwelle 60 und nicht erst 75 oder 80?

Ich habe mir im Lauf der Jahre selbst die Regel gegeben: “ab 60 don't buy” bezogen auf größere Einzelpositionen und insbesondere Einzelaktien.

 

Die eigentlich gefährliche Phase beginnt nicht bei 80 oder 90. Sie beginnt schon bei 60 — im sogenannten "Greed"-Bereich, noch vor dem Extrem. Warum? Weil zu diesem Zeitpunkt die Highflyer-Aktien bereits laufen, die Narrative bereits dominant sind und die Bewertungen bereits heiß sind. Gleichzeitig fühlt sich der Markt noch nicht übertrieben an. Ein F&G von 65 klingt nach normalem Optimismus, nicht nach Manie. Das ist demnach genau der Moment, in dem die meisten Anleger das Gefühl haben, "noch früh genug" dabei zu sein.

Genau das ist die Falle. Wer bei einem F&G von 65 in eine der damals gehypten Wachstumsaktien einsteigt, denkt, er kauft noch vor dem Höhepunkt. In Wahrheit ist er meistens schon mittendrin. Die letzten 20% bis zum Höchstpunkt werden mitgenommen — aber danach folgen oft 70%, 80% oder 90% Rückgang, die nicht mehr aufgeholt werden.

Die Schwelle 60 funktioniert also nicht primär als Bewertungsschutz. Sie funktioniert als Schutz vor dem eigenen Gehirn — genauer gesagt vor der Kombination aus Verfügbarkeitsheuristik (gehypte angesagte Aktien) und der Überzeugung, noch rechtzeitig einzusteigen.

Ab einem F&G von 60 gilt: "ab 60 don't buy!” Nicht weil der Markt zwingend fallen muss. Sondern weil ihr in diesem Umfeld fast sicher in genau die falschen gehypten Aktien investieren würdet — zur falschen Zeit, zum falschen Preis, aus den falschen Gründen.

 

 

Der eigentlich revolutionäre Gedanke

Es gibt eine tiefere Wahrheit hinter all dem, die über Börsenpsychologie hinausgeht.

Angst ist ein Signal mit einem Ziel. Wenn genug Menschen Angst haben, gibt es irgendwann niemanden mehr, der noch verkaufen muss. Die Angst hat sich entladen. Der Erschöpfungspunkt ist der Boden.

 

Gier ist ein Signal ohne Ziel. Sie kann sich selbst nähren, mutieren, von Optimismus zu Euphorie zu Manie werden — ohne dass irgendetwas sie mechanisch begrenzt, außer der Realität selbst. Und die Realität lässt sich lange ignorieren. Normalerweise enden solche Phasen aus einem sehr banalen Grund … es geht schlicht und einfach die Liquidität aus.

 

Lernt die Angst der anderen zu lieben

Was das für euch als Anleger bedeutet: Lernt, Angst zu lieben. Nicht eure eigene — die führt zu schlechten Entscheidungen. Sondern die Angst anderer. Wenn die Mehrheit der Marktteilnehmer Angst hat, habt ihr euer verlässlichstes Kaufsignal.

Wenn die Mehrheit gierig ist, habt ihr kein klares Ausstiegssignal, da die Party noch lange weiterlaufen kann.

Euer Sparplan läuft deswegen weiter. Für größere Einzelinvestitionen und insbesondere Einzelaktien gilt jedoch “ab 60 don’t buy”.

 

 

Die in diesem Artikel genannten Zahlen (Renditen, F&G-Werte) basieren auf historischen Daten und approximierten Zeitreihen. Vergangenheitsdaten sind keine Garantie für zukünftige Renditen. Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar.

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