Echte Value Investments von “Value Traps” unterscheiden
Die meisten Anleger suchen an der Börse nach Bestätigung. Sie kaufen Aktien, wenn die Nachrichten euphorisch sind, die Kurse auf Allzeithochs stehen und jeder auf der Grillparty erzählt, wie viel Geld er mit der Aktie XY gemacht hat.
Es fühlt sich so gut an, richtig zu liegen und Bestätigung zu finden.
Doch die extreme Rendite – die Art von Rendite, die aus einem überschaubaren Depot ein Vermögen macht – liegt genau in der entgegengesetzten Richtung.
Tim Schäfer, die Buy-and-Hold-Legende aus New York, hat diesen Ansatz perfektioniert. Er sucht nicht nach den Stars von heute, sondern nach den „gefallenen Engeln“.
Sein Geheimnis? Eine Kombination aus stoischer Ruhe, dem Vertrauen in Weltmarken und einer mathematischen Überlegung, die erstaunlich einfach ist.
Die Mathematik der Asymmetrie: Dein „innerer Hebel“
Warum wartet ein Profi wie Schäfer oft, bis eine Aktie 75 %, 80 % oder sogar 90 % verloren hat? Die Antwort liegt in einer Tabelle, die jeder Investor auswendig kennen sollte. Sie zeigt den „inneren Hebel“, den du aktivierst, wenn du den Mut hast, im Blutbad zu kaufen.
Je tiefer der Fall, desto gewaltiger die Hebelwirkung bei der Rückkehr zum alten Allzeithoch.
| Kursrückgang vom Allzeithoch | Notwendiges Plus fürs alte Hoch | Dein Gewinn-Faktor (Multiplikator) |
| - 50 % | + 100 % | 2,00-fach (Verdopplung) |
| - 70 % | + 233 % | 3,33-fach |
| - 75 % | + 300 % | 4,00-fach (Vervierfachung) | (aktuell z. B. Nike)
| - 80 % | + 400 % | 5,00-fach (Verfünffachung) | (aktuell z. B. PayPal)
| - 90 % | + 900 % | 10,00-fach (Verzehnfachung) |
| - 95 % (Extreme Krise) | + 1.900 % | 20,00-fach |
Die Logik dahinter: Wenn du bei -80 % einsteigst, kaufst du die Aktie für 20 Cent pro Euro des ursprünglichen Wertes. Erholt sich das Unternehmen nur auf sein altes Niveau, hast du deinen Einsatz verfünffacht – völlig ohne riskanten Hebeleinsatz – nur mit der Aktie.
Wichtig ist hierbei allerdings, keinen „Schrott“ zu kaufen.
Wir wollen deswegen -wie Schäfer auch- große Marken, am besten Weltmarktführer einsammeln, die abgestürzt sind.
Aber selbst bei diesen kann bei einem solch massiven Absturz die Gefahr bestehen, dass wir in eine sog. „Value-Trap“ tappen.
Schaupp screent mal wieder ...
Mir ging es nun darum, das irgendwie quantifizierbar zu machen.
Ich machte mich also daran, einen Screener zu entwickeln, der möglichst gut echte Value Investments von Value Traps unterscheiden kann.
I.
Nach Auswertung von 26 Datensätzen (durch Claude als Junior Analyst mit SEC-Daten) wo das Screening sehr gut funktioniert hat, sollte nur eine Anpassung vorgenommen werden.
Sicherheitshalber sollte KGV unter 15 auf KGV unter 20 angehoben werden, damit mehr Treffer erzielt werden mit hohem Wertzuwachs. Dadurch erhöht sich die Fehlerquote nicht. Die Value Traps wären dadurch trotzdem solide aussortiert worden.
II. (wie I. nur KGV unter 20)
III. -60% vom ATH (wie II. nur statt -70% reichen schon -60% vom ATH)
Durch die Absenkung auf −60% kommen genau 5 neue Fälle in den Screen. Davon werden 2 zu echten Signal-Treffern (+4.000% Apple und +1.300% Microsoft im Jahr 2009) und 3 korrekt herausgefiltert — null neue Fehlkäufe.
▶️ Meine Empfehlung vorab: Ich würde den nachfolgenden finalen Screen IV. idealerweise mitten im Crash im Gesamtmarkt am besten von -30% oder mehr vom ATH anwerfen.
Dann würde ich einzelne Aktien wie große Lose zu je 500 € bis 1.000 € kaufen. Das ganze in einem extra Depot, das man dann am besten sofort wieder vergisst. "Set und forget" ist deswegen so unglaublich wichtig, weil die Erholungen viele Jahre brauchen (oft fünf bis zehn Jahre, ein bis zwei kommen auch vor, sind aber eher die Ausnahme)
Nur wenn man es so betreibt, ist dieses System psychologisch aus meiner Sicht durchhaltbar und zermürbt einen nicht.
(Außer natürlich man hat die stoische Ruhe eines Tim Schäfers, das dürfte aber für die meisten von uns nicht zutreffen).
▶️▶️ IV. Quick Ratio "over 0,5" (wie III. und zusätzlich Quick Ratio)
Der Quick Ratio Filter wirkt nicht nur als Insolvenz-Detektor für normale Unternehmen, sondern auch als eleganter Finanzsektor-Filter, der Banken und Versicherungen herausfiltert. Für diese ist der Screener-Ansatz (KGV, PEG, Nettomarge) nicht konzipiert. Hier müsste man mit anderen Metriken arbeiten. Das Kriterium Quick Ratio entfernt diese Unternehmen automatisch, weil Finviz keinen Quick-Ratio-Wert für Banken und Versicherungen berechnen kann.
Die Bilanz der Einbeziehung von Quick Ratio over 0,5 kann sich sehen lassen: 0 echte Gewinner herausgefiltert, 0 falsche Positiv-Signale, 4 Sektorfremde (Banken und Versicherungen) entfernt, 1 echter Bilanzstress erwischt (Carnival), 1 Grenzfall (XP als Broker). Das ist ein sauberes Ergebnis.
Screen IV (mit Quick Ratio >0.5) ist sinnvoll — nicht nur wegen seiner ursprünglichen Intention als Insolvenz-Schutz, sondern weil er den Screen auf jene Unternehmenstypen fokussiert, für die das gesamte Regelwerk konzipiert wurde.
(Dann hatte ich noch eine weitere Idee, welche sich jedoch nicht bewährt hat ...
Zusätzlich P/FCF "<15" verbessert den Screen nicht - im Gegenteil!
Das ist das strukturelle Kernproblem: P/FCF bestraft genau die Unternehmen, die in ihrem Absturz am aggressivsten in die eigene Zukunft investieren — also genau jene Eigenschaft, die man als Investor suchen sollte. Die Nettomarge >10% erledigt diese Aufgabe bereits viel zuverlässiger, weil sie das operative Modell bewertet und nicht den zeitverzögerten Cashflow-Ausdruck von Investitionsentscheidungen.)
▶️ Nach dem Screening IV. manuell noch überprüfen bei der jeweiligen Aktie (in finviz runterscrollen), ob "shares outstanding" (annual) reduziert wurden, also Aktienrückkäufe stattfanden. Das ist als weiteres positives Zeichen zu werden. (Das muss um die Aktie zu kaufen nicht vorliegen, ist aber super wenn das auch noch gegeben ist).
Claude: Praktische Empfehlung für den "Aktienrückkäufe"-Zusatzcheck (muss nicht vorliegen, ist aber super wenn es so ist)
Der Vorschlag aus dem Artikel, Aktienrückkäufe (sinkende Shares Outstanding) manuell zu prüfen, ist sinnvoll und elegant — aber als qualitativer Tiebreaker, nicht als harter Filter.
Ein Unternehmen, das bei −75% noch Aktien zurückkauft, sendet ein klares Signal der Unternehmensführung: "Wir glauben, die Aktie ist zu günstig." Historische Belege aus dem Backtest:
Microsoft FY2009 kaufte trotz GFC eigene Aktien zurück.
Apple FY2008 stellte das Rückkaufprogramm vorübergehend ein, kehrte aber schnell zurück.
Meta 2022 kaufte in Q3 2022 für $6.55 Milliarden eigene Aktien zurück — am Allzeittief.
Das sind alles starke Bestätigungssignale. Empfehlung: Aktienrückkäufe als optionales Bonus-Kriterium nach dem Screen IV. checken (Finviz bietet keine direkte historische Rückkauf-Filterung). Nicht als Pflichtfilter, aber als Qualitäts-Booster bei Signalen, die nahe an Schwellen liegen.
Der finale Screen sieht also wie folgt aus:
Die Strategie ersetzt subjektive Einschätzungen durch ein festes Regelwerk. Ein Unternehmen wird nur dann als „Kauf“ gewertet, wenn es alle vier folgenden Schwellenwerte gleichzeitig erfüllt:
* Kurssturz (Drawdown): > 60% vom Allzeithoch. Identifiziert Phasen maximalen Marktpessimismus für eine Aktie
“>70% vom ATH” war schon sehr gut “>60%” konnte den Screener noch weiter verbessern
* Nettomarge: > 10% Belegt die strukturelle Profitabilität und operative Belastbarkeit.
* Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): < 20 Gewährleistet eine historisch günstige Bewertung der erwirtschafteten Gewinne, lässt aber mehr bewegungsfreiheit als KGV<15, wo einzelne gute Treffer rausgefiltert wurden. Durch das Umstellen auf KGV<20 wurden aber keine neuen Fehlsignale gegeben, da PEG <2 auch darauf achtet dass ein Unternehmen günstig genug ist.
* PEG-Ratio (Price/Earnings to Growth): < 2 Stellt sicher, dass das Unternehmen trotz der Krise ein gesundes Verhältnis von Bewertung zu Gewinnwachstum aufweist und schließt stagnierende „tote“ Geschäftsmodelle aus.
* Quick Ratio "over 0,5": Sagt aus, dass ein Unternehmen für jeden Euro kurzfristiger Schulden mindestens 50 Cent in „echtem Geld“ (Cash/Forderungen) hat, ohne auf Warenverkäufe angewiesen zu sein.
Wichtig: Wie immer gilt bei mir:
❌ Gibt es Bilanzierungsvorwürfe kommt ein Investment nicht in Frage!!!
Selbst Positionen, die ich schon halte, werden dann sofort verkauft. Das habe ich bei Super Micro Computer auch sofort getan, als die Bilanzierungsvorwürfe aufkamen. Dies hat sich aus heutiger Sicht wieder als richtig herausgestellt.
Historische Performance: Statistische Validierung
Die Untersuchung von insgesamt 31 abgeschlossenen Fällen aus dem Zeitraum 2000 bis 2026 zeigt eine beeindruckende Treffsicherheit. Durch die Feinjustierung des Systems – insbesondere die Absenkung der Drawdown-Schwelle auf −60 % und die Erhöhung des KGV-Limits auf < 20 konnten wir die Performance massiv steigern, ohne die Sicherheit aufzugeben.
Erfolgreiche Identifikation von „Multi-Baggern“
In diesen Fällen erfüllten die Unternehmen am Tiefpunkt alle vier Kriterien. Besonders die neue −60 %-Schwelle erwies sich als „Goldgrube“, da sie Giganten wie Apple erst auffindbar machte:
| Unternehmen (Zeitpunkt) | Kurssturz | KGV | PEG-Ratio | Ergebnis / Rendite (Stand 2026) |
| Apple (2009) | −60,9 % | 14,6 | ~0,7 | +4.000 % |
| Microsoft (2009) | −60,3 % | 12,5 | ~1,1 | +1.300 % |
| Oracle (2002) | −84 % | ~16 | < 1,2 | +1.900 % |
| Meta (2022) | −77 % | ~9 | < 1,0 | +730 % |
| Netflix (2022) | −76 % | ~15 | < 1,5 | +530 % |
Fehlervermeidung: Warum die Filter arbeiten
Trotz der erhöhten KGV-Schwelle von KGV<20 und der niedrigeren Drawdown-Hürde (-60% vom ATH) zeigt die Untersuchung 0 falsche Positiv-Signale. Der Screener ist gnadenlos darin, optisch billige Aktien auszusortieren, die keine fundamentale Substanz haben:
* Schutz vor Überbewertung: NVIDIA (2022) und Adobe (2022) fielen zwar deutlich, blieben aber mit KGVs über 20 (trotz Korrektur) außerhalb unseres Rasters. Das System verhinderte einen verfrühten Einstieg in noch immer teure Aktien.
* Schutz vor operativer Schwäche: Amazon (GFC 2008) fiel um über 60 %, scheiterte aber an der 10-%-Margen-Hürde. Der Screener erkennt, wenn ein Unternehmen (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht die nötige strukturelle Kraft besitzt.
* Cisco & Intel (2002): Beide blieben trotz massiver Kursverluste von > 80 % Underperformer, da entweder das PEG-Verhältnis oder die Wachstumserwartungen stagnierten.
Aktuelle Marktanalyse (Stand April 2026)
Der direkte Vergleich zeigt, warum die Kombination aus vier Filtern so effektiv ist. Während viele „Gurus“ bei allem was abgestürzt ist zum Kauf blasen, sagt unser Screener klar, wo die echte Qualität liegt und wo es Probleme geben könnte.
| Kennzahl | PayPal (2026) | Nike (2026) | Block (2026) |
| Kurssturz (> 60 %) | −82 % (Erfüllt) | −75 % (Erfüllt) | −76 % (Erfüllt) |
| Nettomarge (> 10 %) | 18 % (Erfüllt) | 6 % (Nicht erfüllt) | 2 % (Nicht erfüllt) |
| KGV (< 20). | 9 (Erfüllt) | 14 (Erfüllt) | 25 (Nicht erfüllt) |
| PEG-Ratio (< 2) | ~1,3 (Erfüllt) | > 2,0 (Nicht erfüllt) | < 1,0 (Erfüllt*) |
| Ergebnis | KAUFSIGNAL | KEIN SIGNAL | KEIN SIGNAL |
Analyse:
PayPal ist der aktuelle „Musterschüler": Alle Filter sind tiefgrün.
Nike scheitert trotz Weltmarken-Status an der Profitabilität (Marge 6 %). Das System schützt uns hier vor einem Investment in ein Unternehmen mit erodierenden Gewinnen.
Block (ehemals Square) erfüllt zwar die Wachstums-Wette (PEG < 1), ist aber operativ noch zu schwach (Marge) und im Vergleich zum Gewinn zu teuer (KGV 25).
*Wichtig: Bei Block zeigt sich die Stärke des Systems: Ein niedriges PEG allein reicht nicht, wenn die fundamentale Basis (Marge/KGV) wackelt.*
Warum das System langfristig belastbar scheint
Die Wahrscheinlichkeit für einen anhaltenden Erfolg dieser Strategie stützt sich auf die Kombination aus Mean Reversion (Rückkehr zum Mittelwert) und Wachstumsvalidierung:
1. Schutz vor Substanzverlust: Die 10-%-Netto-Margen-Hürde filtert Unternehmen heraus, deren Geschäftsmodell strukturell beschädigt ist.
2. Vermeidung von Stagnation: Die PEG-Ratio < 2 fungiert als moderner Filter. Sie verhindert, dass man in Unternehmen investiert, die zwar „billig“ aussehen, deren Gewinnwachstum aber zum Erliegen gekommen ist.
3. Psychologische Ineffizienz: Da Märkte bei schlechten Nachrichten zu irrationalen Übertreibungen nach unten neigen, liefert der mechanische Screener die notwendige Objektivität, um genau dann einzusteigen, wenn das Chance-Risiko-Verhältnis am attraktivsten ist.
Was jetzt kommt, wird euch wahrscheinlich überraschen …
Das Schwierigste an der Schäfer-Methode ist nicht der Kauf. Es ist das Nichtstun danach. Wenn sich die Aktie von 20 € auf 40 € verdoppelt hat, werden viele schwach und verkaufen.
Doch ein Schäfer-Investor weiß: Die wahre Magie entsteht, wenn aus dem 2-fach ein 5-fach oder gar ein 20-fach wird.
Und was man auch nicht unterschätzen sollte, selbst wenn unser Screener grünes Licht für ein Investment gibt und wir kaufen, kann es viele, viele Jahre dauern, bis es überhaupt wieder aufwärts geht.
Deswegen muss ein solches Nebendepot für solche Aktien unbedingt ein “Buy and hold forever”-Depot sein, bei dem man am besten gar nicht so oft reinsieht.
Dieses Geld sollte am besten von vornherein mental schon völlig abgeschrieben sein. Sonst lässt sich das nicht durchhalten und wir werden unser Ziel, einzelne explodierende Aktien im Depot zu haben, nicht erreichen.
Nach den vielen doch eher etwas negativen Punkten gibt es jetzt noch ein "Sahnehäubchen"
Der Dividenden-Turbo: Wenn du eine Aktie bei -75 % kaufst, sicherst du dir nicht nur das Kurspotenzial, sondern auch eine extrem hohe Dividendenrendite auf deinen Einstandspreis (Yield on Cost). In 10 Jahren könnte allein die jährliche Dividende 10 % oder mehr deines heute investierten Kapitals ausmachen. Das ist die „Rente“, die Tim Schäfer mit so wohlhabend gemacht hat.
Beispiel: Eine Aktie fällt von 100 € um 80% auf 20 €. Wir kaufen zu 20 €. Nach vielen Jahren erholt sich die Aktie wieder auf ihr altes Allzeithoch von 100 €.
Eine Aktie, die nach Erholung auf das alte ATH 100 € 3 € Dividende zahlt (3%), zahlt bei unserem Kaufpreis von 20 € (nach -80% Sturz) immer noch 3 € – das sind 15% persönliche Dividendenrendite auf unseren Einsatz ... und das jedes Jahr.
Der „Angriffsplan“: Wie man die Theorie in die Tat umsetzt
Die beste Strategie scheitert oft an der Ausführung ... was bei dieser Strategie am ehesten funktionieren könnte:
Aus den Augen, aus dem Sinn
Das ist die radikalste Form des Value-Investings – man könnte es auch die „Kaufen-und-Vergessen-Methode“ nennen. Wenn du dich für einen einmaligen Kauf entscheidest und das Depot danach „versiegelst“, verschiebst du den Fokus komplett weg vom Timing hin zur reinen Selektionsqualität. (Das sollte möglich sein, wenn wir mir oben empfohlen mitten in einen Gesamtmarkt-Crash von -30% und mehr kaufen).
Hier ist die Analyse, was passiert, wenn du den Sparplan und die Tranchen weglässt:
1. Der psychologische Vorteil: Die "In-Sight-Out-of-Mind"-Taktik
Das größte Risiko bei Fallen Angels ist nicht der Kursverlust an sich, sondern die Zermürbung. Wenn eine Aktie drei Jahre lang seitwärts läuft, verkaufen die meisten Anleger aus Langeweile oder Frust.
Deine Lösung: Wenn du die Position in ein separates Depot legst, auf das du keinen täglichen Zugriff hast (oder dessen App du löschst), entziehst du dich der emotionalen Achterbahn.
Der Effekt: Du gibst dem Unternehmen die Zeit, die es für einen Turnaround braucht (oft 5–10 Jahre), ohne dass dein "innerer Saboteur" dazwischengrätscht.
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Aber nun kommen wir zum größten Problem der Strategie
Es kann Monate, oft aber auch viele Jahre dauern, bis es überhaupt wieder aufwärts geht".
Deswegen sagte ich ja am besten mental abschreiben und auf einem extra Depot irgendwo liegen haben, wo man nicht dauernd reinschaut.
Sonst entsteht irgendwann doch ein Handlungsdruck dass du sagst ... Dieses Geld arbeitet ja nicht für mich ... Ich muss es unbedingt umschichten.
Hier sind die Gründe und realistischen Zeitrahmen, warum Turnarounds so viel Geduld erfordern:
1. Die Phase der „Bodenbildung“ (Das tote Kapital)
Wenn eine Aktie 60 % oder 80 % gefallen ist, ist das Vertrauen der großen institutionellen Anleger (Fonds, Banken) massiv beschädigt. Diese Aktien erholen sich fast nie in einer V-Form (also Absturz und sofortiger Wiederaufstieg). Meistens dümpeln sie monate- oder sogar jahrelang auf dem Boden herum. Das ist die Phase, in der das Geld im Depot einfach „tot“ wirkt und nichts passiert.
2. Das Warten auf den Katalysator
Damit eine solche Aktie wirklich „explodiert“, braucht es meist einen Auslöser. Die günstigen fundamentalen Kennzahlen (KGV, Marge) allein bewegen den Kurs nicht. Es braucht einen Funken:
* Ein neues Management (z. B. ein neuer CEO, der aufräumt).
* Ein neuer Produktzyklus (wie bei Apple 2007/2008 mit dem iPhone).
* Ein radikales Kostensparprogramm (wie bei Meta 2022/2023 mit dem „Year of Efficiency“).
Bis dieser Katalysator wirkt und die Gewinne wieder spürbar anziehen, ziehen oft Jahre ins Land.
Historische Realitätschecks
Die schnellen Comebacks (1–3 Jahre): Meta (Facebook) ist 2022 um über 70 % gecrasht. Wer am absoluten Tief kaufte, musste „nur“ etwa eineinhalb bis zwei Jahre warten, bis die Aktie wieder neue Allzeithochs erklomm und sich vervielfachte. Das ist aber eher die Ausnahme.
Die langen Durststrecken (5–10 Jahre+): Microsoft fiel nach der Dotcom-Blase massiv. Wer am Tief der Finanzkrise 2009 kaufte (wie im Artikel beschrieben), machte gigantische Gewinne – aber es dauerte trotzdem bis 2016, bis die Aktie überhaupt ihr altes Allzeithoch aus dem Jahr 1999 wieder erreichte. Dazwischen lagen Jahre extremer Langeweile.
Warum der Sparplan (Cost-Average) hier psychologisch hilft
Genau wegen dieser unberechenbaren Wartezeit empfiehlt der Autor die „500-Plus-Formel“ (eine Einmalanlage plus wöchentlichen Sparplan). Wenn die Aktie noch zwei Jahre lang weiter leicht fällt oder seitwärts läuft, sammelst du über den Sparplan immer mehr Anteile zu günstigen Kursen ein. Wenn die Explosion dann in Jahr 3 oder 4 kommt, hast du eine viel größere Position aufgebaut, als wenn du nur einmal am Anfang gekauft hättest.
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Der Hinweis, diese Strategie bevorzugt in einem allgemeinen Markt-Crash (Gesamtmarkt -30 % oder mehr) anzuwerfen, ist die ultimative Sicherheitsmarge. Es ist der Unterschied zwischen „einer guten Wette“ und einem „unfairen Vorteil“.
Hier ist die Analyse, warum dieser Zusatz die Strategie massiv aufwertet:
1. Die Korrelation als Schutzschild
In einem Bullenmarkt fallen einzelne Aktien meistens nur dann um 60 %, wenn das Unternehmen spezifische, hausgemachte Probleme hat (z. B. Skandale, veraltete Technik). Das Risiko einer "Value Trap" ist hier am höchsten.
In einem Gesamtmarkt-Crash hingegen werden auch Qualitätsunternehmen oft einfach mit dem Rest des Marktes in den Abgrund gerissen.
* Der Effekt: Du kaufst exzellente Firmen nicht, weil sie schlecht geworden sind, sondern weil der Markt panisch Liquidität braucht. Die Qualität der Treffer im Screener steigt in einem Crash exponentiell an.
2. Das Ende der "relativen" Überbewertung
Oft fallen Aktien zwar um 60 %, sind aber aufgrund einer vorherigen Blase immer noch teuer (siehe NVIDIA/Adobe Beispiel im Text).
* Wenn der S&P 500 selbst um 30 % korrigiert, werden die KGVs flächendeckend komprimiert. Dein KGV-Filter (< 20) greift dann nicht mehr nur bei den Sorgenkindern, sondern bei den echten Superstars, die normalerweise nie unter ein 25er KGV fallen würden.
3. Psychologisches Momentum
Es klingt paradox, aber: Es ist einfacher, eine abgestürzte Aktie zu halten, wenn man weiß, dass *alles* gerade tiefrot ist.
* Wenn nur deine Aktie fällt, zweifelst du an deiner Analyse.
* Wenn der gesamte Markt brennt, ist die Erwartungshaltung ohnehin auf „Überleben“ programmiert. Das erleichtert das „Set and forget“, da man die schlechten Nachrichten im Depot als Teil des allgemeinen Marktumfelds akzeptiert.
4. Der "Doppel-Boden"-Effekt
Wenn du bei einer Aktie einsteigst, die ohnehin schon bei -60 % notiert, während der Gesamtmarkt gerade erst um 30 % einbricht, hast du ein extrem limitiertes Abwärtspotenzial. Die Aktie hat ihre Kapitulation oft schon hinter sich, während der breite Markt sie gerade erst durchläuft. Das ist der Moment, in dem die asymmetrischen Renditen (Faktor 5, 10 oder 20) geboren werden.
Wir kombinieren damit:
1. Fundamentalanalyse (Screener)
2. Markt-Timing (Crash)
3. Verhaltensökonomie (Set and Forget)
Das ist die "Heilige Dreifaltigkeit" des Value-Investings.
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Der blinde Fleck des Screeners:
Ehrlichkeit gehört zu einer seriösen Strategie: Der Screener hätte zwei der größten Rendite-Chancen der letzten 25 Jahre Amazon und Apple nicht identifiziert.
Amazon fiel 2001 um −94 % auf gut 6 Dollar. Apple crashte 2003 um −84 % auf rund 6 Dollar. Shopify verlor 2022 −80 % seines Wertes. Wer jeweils am Tief einstieg und seitdem hielt, hat sein Kapital um das 33.000-Fache, das 20.000-Fache bzw. das 4-Fache vervielfacht.
Der Screener hätte keinen einzigen dieser drei Käufe signalisiert — und zwar aus demselben Grund: Alle drei schrieben zum Zeitpunkt ihres Tiefs entweder Verluste oder hatten eine Nettomarge weit unter 10 %.
Amazon und Shopify hatten kein positives KGV. Apple wies am Tief ein KGV von über 60× auf, weil die kollabierten Gewinne den Kurs optisch teuer machten, obwohl er absolut günstig war.
Was diese drei Fälle gemeinsam haben: Um sie zu kaufen, brauchte man keine Checkliste. Man brauchte eine These über die Zukunft — über das Internet, über das Smartphone, über E-Commerce. Das ist eine andere Art von Investment als das, was dieser Screener leistet.
Es ist eine Glaubenswette auf ein Geschäftsmodell, das noch keine Gewinne zeigt, aber strukturell transformativ ist.
Der Screener kauft keine Glaubenswetten. Er kauft profitable Unternehmen, die günstig geworden sind.
Das ist sein bewusster blinder Fleck — und gleichzeitig sein wichtigster Schutz: Er hätte auch Wirecard, Nokia, General Electric und Cisco am Tief nicht gekauft. Null Fehlsignale in 15 abgeschlossenen Fällen.
Der Preis dieser Sicherheit: Die extremsten Vervielfacher — jene, die aus 1.000 Euro unglaubliche 200.000 € oder 300.000 € machen — entstehen oft in genau dem Bereich, den der Screener systematisch meidet. Wer Amazon 2001 kaufen wollte, brauchte Überzeugung ohne fundamentale Absicherung. Wer diesen Screener nutzt, tauscht das maximale Upside-Potenzial gegen eine deutlich erhöhte Treffsicherheit ein. Das ist kein Fehler — es ist eine Entscheidung.
Doch für all jene, die sich mit dieser Entscheidung nicht abfinden wollen und bereit sind, für die Chance auf 33.000 % den obigen Screener zu verlassen, habe ich gute Nachrichten: Genau für diesen ‚blinden Fleck‘ habe ich bereits ein zweites, radikaleres Modell entwickelt. Wie der “Phoenix aus der Asche”-Screener funktioniert, zeige ich euch im nächsten Artikel Schaupp Value Screener extreme - Phönix oder Zombie?
Ganz wichtig! Dass alle Screens natürlich enorme Risiken bergen, sollte klar sein. Bei diesen Möglichkeiten und Chancen steht natürlich immer auch der Totalverlust mit dem Raum. Lest unbedingt meinen umfangreichen Disclaimer bzw. Haftungsausschluss.
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