Diese Screener wurde entwickelt um den blinden Fleck in meinem Value Screener aus dem Artikel Schaupp Value Screener: Value Chance oder Value Trap? zu schließen. Beide sollten also am besten gleichzeitig eingesetzt werden, um keine vielversprechende Aktie im Crash zu verpassen. Beide Screens verwenden auch sehr unterschiedliche Kriterien wie ihr feststellen werdet. Dieser extreme-Screen ist jedoch deutlich spezieller:
Er ist nicht für jeden Crash so gut geeignet. Er ist nach dem Vorbild von 2000 bis 2003 für das Filtern nach dem Platzen einer Spekulationsblase konzipiert.
Dies wird nicht so häufig vorkommen, wir brauchen vorher deutliche Übertreibungen. Vielleicht werden wir diese daran sehen, dass viele Unternehmen wieder dreistellige KGVs aufweisen. Selbst bei gutem Wachstum wird es dann nicht mehr möglich sein, in diese Bewertungen hineinzuwachsen ... Wenn dann die Blase platzt, dann ist die Zeit für diesen Screener gekommen.
Wer nach einem Kurssturz von 80 % oder mehr einfach blind zugreift, stellt oft fest, dass er kein Schnäppchen gemacht, sondern ein sinkendes Schiff betreten hat.
Wie unterscheidet man die künftigen Weltmarktführer, die nur vorübergehend unter die Räder gekommen sind, von den „Zombies", die nie wieder zu alten Höchstständen zurückkehren? Die Antwort liegt nicht im Kurs, sondern in einer einzigen, oft übersehenen Kennzahl — die sich natürlich auch als Bestandteil in unserem nachfolgenden Screen wiederfindet: dem quartalsweisen Umsatzwachstum (YoY).
▶️ Empfehlung vorab
Ich würde den nachfolgenden Screen idealerweise alle 2 Wochen mitten im Crash im Gesamtmarkt — am besten von −30 % oder mehr vom ATH — anwerfen. Dann würde ich einzelne Aktien wie große Lose zu je 500 € bis 1.000 € kaufen. Das Ganze in einem extra Depot, das man dann am besten sofort wieder vergisst. „Set and forget" ist deswegen so unglaublich wichtig, weil die Erholungen viele Jahre brauchen (oft fünf bis zehn Jahre; ein bis zwei kommen auch vor, sind aber eher die Ausnahme). Nur wenn man es so betreibt, ist dieses System psychologisch aus meiner Sicht durchhaltbar und zermürbt einen nicht — außer natürlich man hat die stoische Ruhe eines Tim Schäfers, das dürfte aber für die meisten von uns nicht zutreffen.
Schaupp Screener „Phoenix aus der Asche"
Zielsetzung: Systematische Jagd auf asymmetrische Chancen
▶️▶️ Finviz-Link
Das Ziel des Screeners „Phoenix aus der Asche" ist es, Unternehmen zu finden, deren Aktienkurs kollabiert ist, während ihr fundamentales Geschäftsmodell intakt bleibt — oder sogar wächst. Wir suchen nach der extremen Divergenz zwischen Marktstimmung (Preis) und Realität (Umsatz).
Ein Kurssturz von 80 % bedeutet, dass eine Aktie sich verfünffachen muss, um nur den Breakeven zu erreichen. Wenn sie sich jedoch zu neuen Allzeithochs aufschwingen kann, sprechen wir im Laufe von vielen Jahren oft von 1.000 % bis 50.000 % Rendite. Um diese Nadeln im Heuhaufen zu finden, müssen wir den „Papierkorb" des Marktes radikal sieben.
Die Herleitung: Der „Zombie-Detektor"
Die fundamentale Logik hinter unserer Analyse unterscheidet zwei Arten von Crash-Aktien:
Der Phönix
Der Kurs bricht aufgrund von Marktpanik, Sektor-Rotation oder makroökonomischem Gegenwind ein. Aber: Die Kunden kaufen weiterhin mehr Produkte als im Vorjahr. Das Geschäftsmodell lebt.
Der Zombie
Der Kurs bricht ein, weil das Geschäftsmodell am Ende ist. Die Kunden laufen weg, der Umsatz schrumpft. Der Markt hat in diesem Fall recht — die Aktie ist eine „Value Trap".
Warum der Blick in die Vergangenheit (5 Jahre) trügt
Viele Investoren nutzen das 5-Jahres-Umsatzwachstum als Qualitätsmerkmal. Unsere Analyse der Dotcom-Blase zeigt jedoch: Das ist ein gefährlicher Lagging Indicator.
Nehmen wir Cisco im Jahr 2002. Auf Sicht von fünf Jahren sah Cisco damals fantastisch aus, da die Boom-Jahre 1998–2000 den Durchschnitt nach oben zogen. Doch der Blick auf den aktuellen Umsatztrend verriet die bittere Wahrheit: Das Jahresergebnis für FY2002 zeigte einen Umsatzrückgang von −15,2 % gegenüber dem Vorjahr (aus dem offiziellen Cisco Earnings Release, SEC EDGAR verifiziert). Cisco war ein Zombie. Wer damals kaufte, wartet heute — 24 Jahre später — immer noch darauf, dass die Aktie ihr altes Hoch erreicht.
Die Beweisführung: SEC-Primärquellen lügen nicht
Die Validität des Filters fa_salesqoq_pos — positives Quartalsumsatzwachstum im Jahresvergleich — lässt sich an den Giganten der Vergangenheit belegen. Die folgende Tabelle zeigt die jährliche Umsatzentwicklung zum Zeitpunkt des jeweiligen Kurstiefs, verifiziert aus SEC-Primärquellen:
Unternehmen Status am Tiefpunkt Umsatz YoY Quartals-Signal YoY— Jahresdaten (SEC) Ergebnis bis heute
Amazon
Tief: Nov 2001 🔥 Phönix +13,0 % unten* ~65.000 %
Apple
Tief: Apr 2003 🔥 Phönix +8,2 unten* ~80.000 %
Cisco
Tief: Okt 2002 💀 Zombie −15,2 % Negativ Unter ATH nach 24 Jahren
Intel
Tief: Okt 2002 💀 Zombie −21,3 % Negativ Seit 24 Jahren kaum Rendite
Quellen: Amazon 10-K FY2001 · Apple 10-K FY2003 · Cisco FY2002 Earnings Release · Intel 8-K FY2001 — alle SEC EDGAR.
Hinweis zum Filter: fa_salesqoq_pos prüft das quartalweise YoY-Wachstum. Genau diese Logik macht den Unterschied: Amazon wies im entscheidenden Q3 2001 ein hauchdünnes Quartalswachstum von +0,22 % YoY auf — ein kaum messbares Lebenszeichen, aber eben kein Schrumpfen. Cisco zeigte im gleichen Zeitraum bereits deutliche Quartalsverluste. Die Jahrestrends in der Tabelle bestätigen das übergeordnete Bild.
Alle vier Zeilen — vollständig verifiziert aus SEC-Primärquellen
Amazon — Tief November 2001
Jahresdaten FY2001 vs. FY2000: $3.122M vs. $2.762M = +13,0 % ✅
*(Amazon 10-K FY2001, SEC EDGAR, filed 24.01.2002)*
- Quartalssignal Q3 2001 vs. Q3 2000: $639,3M vs. $637,9M = +0,22 % ✅
*(Amazon 10-Q Q3 2001, SEC EDGAR)*
Cisco — Tief Oktober 2002
- Jahresdaten FY2002 vs. FY2001: $18,9B vs. $22,3B = −15,2 % ❌
*(Cisco FY2002 Earnings Release, SEC EDGAR)*
- Quartalssignal Q4 FY2002: −25 % YoY ❌
*(Cisco Q4 FY2001 Annual Report)*
Intel — Tief Oktober 2002
- Jahresdaten FY2001 vs. FY2000: $26,5B vs. $33,7B = −21,3 % ❌
*(Intel 8-K Q4 FY2001, SEC EDGAR)*
- Quartalssignal: durchgehend negativ ❌
Apple — Tief 17. April 2003
Hier liegt der komplexe Befund — und ich muss ihn vollständig auseinanderdröseln.
- Jahresdaten FY2002 vs. FY2001: $5.742M vs. $5.363M = +7,1 % ✅
*(Apple 10-K FY2003, SEC EDGAR)*
Beim Quartalssignal wird es entscheidend. Apple meldet nach einem Septemberfiskaljahr:
- Q1 FY2003 (Okt–Dez 2002, gemeldet 15. Januar 2003): $1,47B vs. $1,376B Q1 FY2002 = +6,8 % YoY ✅
*(Apple Q1 FY2003 Press Release, SEC EDGAR)*
- Q2 FY2003 (Jan–März 2003, gemeldet 16. April 2003): $1,475B vs. $1,495B Q2 FY2002 = −1,3 % YoY ❌
*(Apple Q2 FY2003 Press Release, SEC EDGAR)*
- Q3 FY2003 (Apr–Jun 2003, gemeldet 16. Juli 2003): $1,545B vs. $1,431B Q3 FY2002 = +8,0 % YoY ✅
*(Apple Q3 FY2003 Press Release, SEC EDGAR)*
Was bedeutet der Apple-Fall wirklich?
Machen Sie sich klar: Es gibt ein Zeitfenster-Problem, kein Screener-Problem.
Vom 15. Januar bis 15. April 2003 zeigte `fa_salesqoq_pos` für Apple +6,8 % — grün, im Screen, kaufbar.✅
Ab dem 16. April (Q2-Meldung) zeigte es −1,3 % — rot, rausgefiltert❌
Ab dem 16. Juli (Q3-Meldung) wieder +8,0 % — grün, zurück im Screen.✅
Apple war in einem 3-Monats-Fenster um sein exaktes Tief nicht im Screen. Das ist ein reales Risiko — aber kein Beweis, dass der Screen falsch konzipiert ist. Es zeigt, dass kein mechanisches System jeden Tiefpunkt auf den Tag genau trifft. Das Kurstief war auch rückblickend als solches erkennbar — am 17. April 2003 wusste niemand, dass das der Boden war.
Deswegen ist es so wichtig, diesen sehr eng gefassten Screener alle zwei Wochen mitten im Crash (wie oben erwähnt) anzuwerfen, da es für echte Perlen und Verhundertfacher nur relativ kurze Zeitfenster geben kann, wo alle Kriterien vorliegen. (Bei Apple war das Zeitfenster, wo alle Kriterien vorlagen gerade mal zwei Wochen, bei Amazon war das Zeitfenster deutlich größer, diesen Wert hätte man also leicht herausgefiltert). Bei Apple hingegen wäre wirklich wichtig gewesen alle zwei Wochen während des Crashs zu filtern, um es auf jeden Fall nicht zu verpassen. Preis der Mühe war immerhin eine unglaubliche Ver-800-fachung.
Das Regelwerk: Die 8 Kriterien des „Phoenix aus der Asche"-Screeners
Um einen Phönix zu identifizieren, nutzen wir eine Kombination aus technischen und fundamentalen Filtern (umgesetzt via Finviz):
1
Kurs-Drawdown ta_alltime_b80h
Die Aktie muss mindestens 80 % unter ihrem Allzeithoch notieren. Wir suchen im Trümmerhaufen.
2
Bewertung fa_ps_low
Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis (P/S) unter 1. Wir wollen viel Substanz für wenig Geld.
3
Qualität fa_grossmargin_o20
Eine Bruttomarge von über 20 %. Das Unternehmen muss ein echtes Produkt haben, keine reine Handelsware.
4
Liquidität fa_quickratio_o0.5
Eine Quick Ratio von über 0,5. Das Unternehmen muss genügend Cash und Forderungen haben, um kurzfristige Verbindlichkeiten zu bedienen — Schutz vor sofortiger Insolvenz, wie das Beispiel Starbucks 2008 zeigt.
5
Größe cap_smallover
Marktkapitalisierung über 300 Mio. USD. Wir meiden extrem illiquide Micro-Caps.
6
Geografie geo_usa
Der Screen beschränkt sich auf US-amerikanische Unternehmen. Der Grund ist pragmatisch: Finviz stellt für US-Werte die vollständigsten und zuverlässigsten Fundamentaldaten bereit. Für Nicht-US-Unternehmen ist die Datenlage auf dieser Plattform deutlich lückenhafter. Darüber hinaus waren die größten Vergangenheitserfolge US-Unternehmen.
7
sh_avgvol_o300 — der Volumen-Filter (Ø-Tagesvolumen > 300.000 Aktien).
„Liquidität: Tagesvolumen über 300.000 Aktien, um Handelbarkeit sicherzustellen".
8
Der entscheidende Filter: Der Zombie-Detektor fa_salesqoq_pos
Das Umsatzwachstum im letzten Quartal muss im Vergleich zum Vorjahresquartal positiv sein. Das ist der Zombie-Detektor — und warum er funktioniert, lesen Sie im nächsten Abschnitt.
❌ Wichtig: Bilanzierungsvorwürfe sind ein absolutes Ausschlusskriterium.
Gibt es Bilanzierungsvorwürfe, kommt ein Investment nicht in Frage. Selbst Positionen, die ich schon halte, werden dann sofort verkauft. Das habe ich bei Super Micro Computer auch sofort getan, als die Bilanzierungsvorwürfe aufkamen — was sich aus heutiger Sicht wieder als richtig herausgestellt hat.
Warum wir die Hürde nicht höher ansetzen — die Geschichte des +0,22 %
Warum setzen wir die Hürde für das Umsatzwachstum nicht höher an, etwa bei 5 %, um „sicherzugehen"? Die Antwort liefert uns die Geschichte von Amazon.
Im November 2001, am absoluten Tiefpunkt des Crashs, wies Amazon für das dritte Quartal ein hauchdünnes Wachstum von lediglich +0,22 % gegenüber dem Vorjahr aus. Mit einer 5 %-Hürde hätten wir einen der größten Gewinner der Börsengeschichte exakt in dem Moment aussortiert, als die Chance am größten war.
Wir suchen an diesem Punkt keine Hochleistungssportler. Wir suchen nach einem Lebenszeichen.
Die binäre Weiche — Wachstum oder Schrumpfung — ist das ultimative Instrument, um zu prüfen, ob ein Geschäftsmodell noch „atmet". Während Zombies wie Cisco bereits klinisch tot waren, signalisierte der minimale Zuwachs bei Amazon, dass die Kunden trotz des Marktkollapses blieben. Die 0 %-Grenze ist daher kein technisches Detail, sondern die ökonomisch entscheidende Grenze zwischen einem lebendigen Phönix und einer wertlosen Hülle.
Was jetzt kommt, wird euch wahrscheinlich überraschen …
Das Schwierigste an der Schäfer-Methode ist nicht der Kauf. Es ist das Nichtstun danach. Wenn sich die Aktie von 20 € auf 40 € verdoppelt hat, werden viele schwach und verkaufen.
Doch ein Schäfer-Investor weiß: Die wahre Magie entsteht, wenn aus dem 2-fach ein 5-fach oder gar ein 20-fach wird. Und was man auch nicht unterschätzen sollte: Selbst wenn unser Screener grünes Licht gibt und wir kaufen, kann es viele, viele Jahre dauern, bis es überhaupt wieder aufwärts geht.
Der „Angriffsplan": Wie man die Theorie in die Tat umsetzt
Die beste Strategie scheitert oft an der Ausführung. Hier ist, was bei dieser Strategie am ehesten funktionieren könnte.
Aus den Augen, aus dem Sinn
Das ist die radikalste Form des Value-Investings — man könnte es auch die „Kaufen-und-Vergessen-Methode" nennen. Wenn du dich für einen einmaligen Kauf entscheidest und das Depot danach „versiegelst", verschiebst du den Fokus komplett weg vom Timing hin zur reinen Selektionsqualität. Das sollte möglich sein, wenn wir — wie oben empfohlen — mitten in einen Gesamtmarkt-Crash von −30 % und mehr kaufen.
Der psychologische Vorteil:
Das größte Risiko bei Fallen Angels ist nicht der Kursverlust an sich, sondern die Zermürbung. Wenn eine Aktie drei Jahre lang seitwärts läuft, verkaufen die meisten Anleger aus Langeweile oder Frust.
Unsere Lösung: Wenn du die Position in ein separates Depot legst, auf das du keinen täglichen Zugriff hast (oder dessen App du löschst), entziehst du dich der emotionalen Achterbahn. Der Effekt: Du gibst dem Unternehmen die Zeit, die es für einen Turnaround braucht — oft 5 bis 10 Jahre —, ohne dass dein „innerer Saboteur" dazwischengrätscht.
Deswegen muss ein solches Nebendepot für solche Aktien unbedingt ein „Buy and hold forever"-Depot sein, bei dem man am besten gar nicht so oft reinschaut. Dieses Geld sollte am besten von vornherein mental schon völlig abgeschrieben sein. Sonst lässt sich das nicht durchhalten und wir werden unser Ziel, einzelne explodierende Aktien im Depot zu haben, nicht erreichen.
Fazit: Die Strategie der asymmetrischen Wetten
Dieser Screener ist kein magischer Algorithmus, der nur Gewinner findet. Er ist ein hocheffizientes Sieb.
Die Mathematik dahinter: Wenn wir 10 „Phönix-Kandidaten" kaufen und 9 davon scheitern oder stagnieren, aber einer sich wie Amazon oder Apple entwickelt, wird es unser gesamtes Portfolio nach oben katapultieren.
Zusammenfassung — Die 8 Filter auf einen Blick
ta_alltime_b80h — Kurs mind. 80 % unter ATH
fa_ps_low — P/S-Ratio unter 1
fa_grossmargin_o20 — Bruttomarge über 20 %
fa_quickratio_o0.5 — Quick Ratio über 0,5
cap_smallover — Market Cap über ~300 Mio. USD
geo_usa — US-Unternehmen (beste Datenverfügbarkeit)
sh_avgvol_o300 — Ø-Tagesvolumen > 300.000 Aktien
fa_salesqoq_pos — Quartalsumsatz YoY positiv: der Zombie-Detektor
Aktueller Stand April 2026 Märkte auf Allzeithoch
Kein interessantes Screening-Ergebnis derzeit — und das ist eigentlich ein sehr gutes Zeichen, kein Fehler.
Der Screen funktioniert präzise so, wie er soll. Was Sie gerade sehen, ist die Normalzustand-Ausgabe: 30 Treffer, überwiegend Unternehmen mit unternehmens- oder sektorspezifischen Problemen — Baxter International (Medizintechnik-Restrukturierung), Teladoc (Post-Covid-Absturz, strukturelle Probleme), PENN Entertainment (Glücksspiel-Nische), Lyft (Profitabilitätskampf).
Das sind keine systemischen Qualitäts-Kapitulationen, das sind echte Problemfälle.
Der entscheidende Unterschied zu 2001 und 2003: Amazon und Apple tauchten damals im Screen auf, weil der Gesamtmarkt sie mit in den Abgrund riss, obwohl ihre Kunden weiter kauften. Das ist die Konstellation, für die der Screen gebaut wurde — und die heute schlicht nicht vorliegt.
In einem systemischen Crash von −30 % oder mehr würde die Liste schlagartig anders aussehen: Unternehmen mit sauberem Geschäftsmodell, wachsendem Umsatz und solider Bilanz, die nur deshalb bei −80 % notieren, weil institutionelle Investoren Liquidität brauchen und alles verkaufen. Dann wird aus 30 mittelmäßigen Kandidaten eine viel kürzere Liste mit deutlich höherer Qualität.
Dass der Screen jetzt 30 Treffer auswirft, von denen keiner wirklich überzeugt, ist also der Beweis, dass er funktioniert — er zeigt Ihnen korrekt: Jetzt ist nicht die Zeit. Das Werkzeug liegt griffbereit.
Wenn der Markt abstürzt, anwerfen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Investitionen in abgestürzte Aktien sind mit einem hohen Totalverlustrisiko verbunden.
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Weitere manuelle Prüfung
Einzelmeinung:
Die Einschätzung, ob das Schaupp-System auch zukünftig funktionieren könnte, lässt sich auf Basis finanzwissenschaftlicher Studien und verhaltensökonomischer Erkenntnisse differenziert bewerten. Während die mathematische Logik der Asymmetrie zeitlos bleibt, gibt es strukturelle Veränderungen am modernen Markt, die sowohl die Effektivität steigern als auch neue Risiken bergen könnten.
1. Die psychologische Beständigkeit (Der Verhaltensvorteil)
Ein Hauptgrund für das potenzielle künftige Funktionieren der Strategie liegt nicht in den Zahlen, sondern in der menschlichen Natur.
* Myopic Loss Aversion: Die verhaltensökonomische Forschung zeigt, dass Anleger, die ihre Portfolios häufig kontrollieren, zu emotionalen Fehlentscheidungen neigen und Risiken oft zum schlechtesten Zeitpunkt meiden. Da die Schaupp-Strategie durch das „Set and Forget“-Prinzip und ein separates Depot genau diesen Fehler ausschaltet, behält sie ihren strukturellen Vorteil gegenüber dem reaktiven Durchschnittsanleger.
* Zermürbungseffekt: In einer Welt der algorithmischen Hochgeschwindigkeits-Screener bleibt die Fähigkeit, drei bis fünf Jahre lang „nichts zu tun“, eine seltene und wertvolle Ressource (Alpha der Geduld).
2. Validität des „Zombie-Detektors“ in der modernen Wirtschaft
Die Konzentration auf das quartalsweise Umsatzwachstum als „Lebenszeichen“ bleibt ein robuster Indikator, wird jedoch durch neue Faktoren ergänzt:
* Umsatz vs. Cashflow: In der heutigen Software-as-a-Service (SaaS) Welt ist der Umsatz oft stabiler als früher. Ein Risiko für die Zukunft ist, dass Unternehmen durch aggressive Rabatte oder „Billings“ ein künstliches Umsatzwachstum erzeugen, während sie operativ ausbluten. Der Screener schützt davor teilweise durch die Quick Ratio (> 0,5), die sicherstellt, dass tatsächliche Liquidität vorhanden ist.
* Zinsumfeld: In Phasen niedriger Zinsen konnten „Zombies“ durch günstige Kredite künstlich am Leben erhalten werden. In einem Umfeld mit höheren Zinsen (wie es für 2026 diskutiert wird) wird der Schaupp-Filter sogar effektiver, da nur noch fundamental gesunde Phönixe überleben können.
3. Neue Risiken: Die Verwässerungsfalle
Ein kritisches Element, das in der historischen Analyse (Amazon/Apple) weniger dominant war als heute, ist die Stock-Based Compensation (SBC).
* SBC-Verwässerung: Viele moderne Tech-Unternehmen, die um 80 % gefallen sind, nutzen massive Aktienausgaben zur Mitarbeitervergütung. Dies führt zu einer kontinuierlichen Verwässerung der Altaktionäre.[4] Ein Anleger könnte zukünftig zwar recht behalten, dass das *Unternehmen* überlebt, aber durch die Zunahme der ausstehenden Aktien wird der *Aktienkurs* nie wieder sein altes Allzeithoch erreichen, selbst wenn die Marktkapitalisierung dies tut.
* Empfehlung zur Ergänzung: Für die Zukunft wäre es sinnvoll, den Screener um einen Filter zu erweitern, der die Veränderung der ausstehenden Aktien („Shares Outstanding“) überwacht.
▶️ Nach dem Screening manuell noch überprüfen bei der jeweiligen Aktie (in finviz runterscrollen), ob "shares outstanding" (annual) zumindest nicht deutlich erhöht wurden oder gleich geblieben sind. Das ist als positives Zeichen zu werten.
Wenn “shares outstanding” sogar reduziert wurden, wäre dies optimal. (Der Effekt: Wenn das Unternehmen weniger Aktien hat, muss die Marktkapitalisierung in Zukunft gar nicht mehr auf das alte Rekordniveau steigen, damit der Aktienkurs ein neues ATH erreicht, da die Marktkapitalisierung sich ja durch weniger Aktien teilt. Das ist die „asymmetrische Wette“ in ihrer stärksten Form.)
❌ Rote Flagge: Eine jährliche Zunahme der Aktienanzahl von mehr als 5–10 %. Das deutet darauf hin, dass das Unternehmen den Turnaround auf dem Rücken der Aktionäre finanziert.
✅ Konstante oder sinkende Aktienanzahl trotz des Kurssturzes. Das beweist, dass das Management keine „Verzweiflungs-Kapitalerhöhungen“ benötigt und das Geschäftsmodell aus sich heraus überlebensfähig ist.
4. Markteffizienz und Geschwindigkeit
* Schnellere Erholung: Durch den Einsatz von KI und algorithmischem Handel werden Unterbewertungen heute oft schneller entdeckt. Die „Schäfer-Ruhe“ von fünf bis zehn Jahren könnte sich in manchen Sektoren verkürzen, was die Rendite pro Jahr (IRR) erhöhen würde.
* Informationsvorsprung: Da SEC-Primärquellen heute für jedermann in Echtzeit zugänglich sind, ist der Informationsvorsprung durch das Lesen von 10-K Berichten kleiner geworden.[5] Der Vorteil liegt heute weniger im *Wissen* als im *Handeln* gegen den Marktkonsens während eines Crashs.
Fazit der Einschätzung
Das Schaupp-System wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zukünftig funktionieren, da es auf zwei unveränderlichen Säulen ruht: mathematischer Asymmetrie (begrenztes Risiko nach -80 %, unbegrenzte Chance) und menschlicher Disziplin.
Die größte Gefahr für die Zukunft der Strategie ist jedoch die Verwässerung. Während ein „Lebenszeichen“ beim Umsatz (Amazon 2001: +0,22 %) nach wie vor ein brillanter Filter ist, müssen Anleger heute kritischer prüfen, ob das Unternehmen seinen Turnaround auf dem Rücken der Aktionäre durch massive neue Aktienemissionen finanziert. Wenn dieser Punkt beachtet wird, bleibt der Screener ein hocheffizientes Werkzeug für systemische Marktpaniken.
WICHTIG: Der Screen ist strukturell auf Post-Spekulationsblasen-Umgebungen ausgerichtet!!!
– und das ist kein Fehler, sondern sein eigentlicher Designprinzip.
Im Dotcom-Crash handelten Qualitätsunternehmen auf dem Gipfel bei P/S von 10×, 20×, sogar 60×. Nach -80 % bis -95 % Drawdown fiel das P/S dann auf unter 1×. Das ist die Konstellation, für die der Screen gebaut wurde.
Die Strategie ist ein reines "Warten auf das Platzen einer Super-Blase".
Ehrliches Fazit: Der Screen hat seit dem Dotcom-Crash keine neuen, verifizierbaren Ver-X-facher produziert. Das klingt ernüchternd — ist aber eigentlich das ehrlichste Qualitätsmerkmal des Systems. Er gibt kein falsches Signal. Er wartet auf die richtige Konstellation. Die nächste echte Chance entsteht wahrscheinlich erst dann wieder, wenn ein vorangegangener Boom die Bewertungen so weit aufgebläht hat, dass ein systemischer Crash qualitative Unternehmen auf absolute Tiefstwerte drückt. Ein Szenario, das historisch selten vorkommt — und genau deshalb so asymmetrisch belohnend ist, wenn es eintritt.
Zukunftsausblick:
Amazon war 2001 kein Geheimtipp. Jeder kannte Amazon. Es war die Ikone des Dotcom-Booms, ein Haushaltsname, auf Titelseiten, Jeff Bezos war bereits Kulturphänomen. Trotzdem — oder gerade deshalb — fiel die Aktie um 94 %. Weil der Markt im Boom eine absurde Prämie dafür bezahlt hatte, dass es Amazon war.
Apple 2003 war kein unbekanntes Startup. Apple existierte seit 1976, hatte den Mac erfunden, Steve Jobs war gerade zurückgekehrt. Eine Weltmarke mit treuer Kundschaft — nur eben günstig bewertet, weil der Markt das nächste große Ding noch nicht sehen konnte.
Das ist der eigentliche Strukturmechanismus des Screens: Er findet keine obskuren Small-Caps. Er findet ehemals gefeierte große Namen, die der Crash auf Liquidationspreise gedrückt hat — während das eigentliche Geschäft weiterläuft.
Und jetzt der direkte Blick auf heute: Wir befinden uns 2026 mitten in einem KI-Boom mit Bewertungen, die strukturell an den Dotcom-Gipfel erinnern. Nvidia handelt auf einem P/S von 15–20×. Palantir hat zeitweise P/S von 30–50× gesehen. Viele Cloud- und KI-Infrastrukturunternehmen tragen Premiums, die nur durch kontinuierliches Wachstum gerechtfertigt werden können.
Noch sehe ich die Bewertungen nicht so problematisch ... Aber wenn wir vermehrt dreistellige KGVs sehen, dann könnte ein Kipppunkt erreicht sein.
Wenn dieser Boom kippt — nicht "ob", sondern "wann und wie tief" — dann wird der Screen genau dort feuern: bei den Namen, die heute auf jeder Finanzkonferenz stehen, die heute als unaufhaltsam gelten, die heute von Millionen Retailinvestoren gehalten werden. Die nächsten Amazons und Apples im Screen werden keine Unbekannten sein. Sie werden die Ikonen von heute sein, die der Markt in Panik auf 20 Cent pro Euro ihres früheren Wertes gedrückt hat — solange ihr Umsatz noch wächst.
Das ist der psychologische Kern der ganzen Strategie: Es ist leichter, eine unbekannte Aktie zu verkaufen. Es ist schwerer, Apple oder Amazon zu verkaufen, wenn man sie kennt. Und genau das erzeugt die Asymmetrie — weil viele sie trotzdem verkaufen, wenn die Angst groß genug ist.
▶️ Es muss sich bei den Unternehmen, die wir als Lose kaufen, um "große Namen" handeln. Treffer die wir im Screenergebnis nicht kennen oder kaum kennen, kommen somit als Kauf für uns nicht in Frage. Das macht die Anwendung zumindest deutlich einfacher, wenn es um die Auswertung der Screenergebnisse geht.
"Wenn der Screen das nächste Mal nach dem Platzen einer Spekulationsblase feuert, werden nicht nur Unbekannte auf der Liste stehen. Es werden Ikonen von heute mit dabei sein."
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